Kardinal Pietro Bembo (1470 - 1547) verherrlichte in seiner Ode Priapus das männliche Geschlechtsorgan:

„Unter allen den Kräutern, die dieser mein Garten hervorbringt,
Ist es sonderlich eins, das jede Mädchenhand reizt.
Gierig pflücken sie es, nicht um sich Kränze zu winden,
Nicht um die blumige Zier schmückend zu flechten ins Haar,
Nicht um Blüten zu streun vor die Schwellen der Tempel, wie sonst wohl
Pflegt das Volk den Gebrauch, ehrend der himmlischen Schar,
Nicht um einige Handvoll zu sammeln und über dem Feuer
Langsam daraus zu ziehn tropfenden lieblichen Duft.
Nicht Amaranth heißt das Kraut, nicht Kohl, nicht Mangold,
nicht ist's die Ringelblume, die in goldenem Glanze erstrahlt,
Nicht Sauerampfer, nicht Mohn, der, im Korne wachsend, als Heilkraut
Fördert die kundige Hand, die um den Kranken sich müht,
Auch die Artischocke ist's nicht, die Pflanze des Bacchus,
Nicht das Akanthusblatt, Vorwurf der bildenden Kunst,
Nicht die Blume, die ihren Namen nimmt von den Knaben,
Noch auch die, die sich jäh dreht nach den Strahlen Apolls.

Ganz ein anderes Kräutlein ist es und nützet ganz anders: die Wurzel,
Doppelt gespalten, treibt kräftig den Stengel hervor.
Knorrenlos ist der Schößling; noch liegt er, doch baldigst erhebt er
Seinen im rötlichen Schein schimmernden Kopf. Und er ist
Immer der gleiche, ob der Himmel glühet im Hundsstern,
Oder ob glitzernder Reif decket das Wintergefild.
Nie verwelket er jemals, da ihm das Wetter nichts anhat,
Und es gibt keinen Ort, wo man vergebens ihn pflanzt.
Keineswegs gibt es nur eine Art, die Triebe zu pflegen,
Schüttle den Stamm, und du hast reichlichen Samen von ihm.
Ob den Samen aufnimmt die Furche, oder ob du den fruchtbarn
Stengel senkest ins Loch, jeglicher Weg führt zum Ziel.
Wenn sich zuerst der Wald in frischen Blättern belaubet,
Sich in strotzender Kraft herrlicher Üppigkeit freut,
Träufeln aus seinem Haupte die ersten Tränen; der Honig
Von dem Hyblagebirg schmecket nicht süßer als sie.
Über alles tut wohl ihm das Streicheln geschäftiger Finger:
Von der Betastung selbst wächst er dir schon in der Hand.
Nicht geringere Freud' - so bezeug ich's, der ich es sehe,
Weil kein Weib daran denkt, daß ich zu sprechen vermag -
Macht die Berührung den ehrbar'n Mädchen, wenn sie ihn umfangen
Und ihn in pressender Hand halten in zartem Verschluß,
Ja, sich neigen zu ihm und mit zärtlichem Munde ihn küssen
Und, weil die Wärme ihn letzt, ihn gar fürsorglich betreun.
Glücklich lächelt sie dann, wenn sich endlich der Schmächtige aufbläht
Und behend durch die Hand schlüpft ihr und durch das Gewand.
Gar nicht schüchtern bewundert die Maid sein verändertes Aussehn,
Den gekräftigten Stamm und die so plötzliche Pracht.

"Dich verehr ich, du Hälmchen, du Bild des erhabenen Gottes,
Du sollst mein Leitstern sein, Zepter, dem ich mich ergib!"
Also spricht sie; es fallen auch schon vom Körper die Hüllen,
Und den Durstigen labt sie an dem schattigen Born.
Gierig trinkt er an der von Gesträuch bewachsenen Quelle;
Wieviel er aber auch trinkt, reichlicher gibt er's zurück,
Und er spendet seiner Verehrerin liebliche Freuden,
Der er fürs Übel der Welt einziger Tröster oft ist.
Wenn der Gatte ihr fern ist auf weit ihn tragender Woge,
Und in der Einsamkeit sie sich in Sehnsucht verzehrt,
Und die Gesundheit ihr schwindet im öden eh'lichen Bette,
Findet sie Heilung darin, daß seinen Samen sie schlürft.
Wird ihr das Antlitz blaß, sie greift nach dem strotzenden Stengel,
Und von der süßen Kost kehrt ihr die Farbe zurück.
Hat sie die strahlenden Augen von strömenden Tränen verschwollen,
Wie ja das Weinen stets Frauenart war und sein wird,
Und besprengt sie der Tau, der aus dem Kräutlein hervorquillt,
Wird das Auge ihr klar, Freudigkeit zieht ihr ins Herz.
Scheuchen ihr dunkle Träume den Schlaf von den Lidern, vom Schößling
Koste sie wenig, und schon stellt sich der Schlaf wieder ein.
Wenn eine mannbare Maid den Namen der Mutter ersehnet,
Und ihr Tag für Tag ungenutzt schwindet dahin,
Wendt' sie die Wurzel zu richtiger Zeit an, und sicherlich klagt sie
Dann im Alter nicht ob ihrer Unfruchtbarkeit.
Ebenso rat ich's dem Weib, vernachlässigt schnöde vom Gatten,
Daß ihr bei seinem Tod nichts von der Erbschaft entgeht. -
Und je mehr die ihn fassende Hand den Stengel erfüllet
Und den saugenden Mund, desto willkommener ist er.
Anderswo blüht er in reichem Schatten, bei mir ist er offen;
Denn ein so trefflich Gewächs heischet nicht wucherndes Gras. -
Willst seinen Namen du wissen? der kleine Schwanz  ists.  Du lächelst?
Also nennt jedermann ihn im zungenfertigen Rom.
Wenn auch, wie die Gelehrten behaupten, sein Umfang nur klein ist,
Mir, der ich ungelehrt bin, bäumt er sich mächtig empor.
Römer, gewährt mir Verzeihungl Ein Wörtlein nur ist mir entschlüpfet;
Kann denn darin ein Zuviel irgendwie reizen den Zorn?"
 

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Übersetzt von Albert Wesselski, zit. n.Eduard Fuchs, Illustrierte Sittengeschichte, München (1909), Bd, Bd. 4, S. 264 Zurück zum Kapitel Die neue Lust