| Dank Kinsey, der
Pille und einer umsatzfördernden Liberalisierung vieler Sexualnormen
schien es in den späten 60er Jahren so, als stünde die sexuelle
Befreiung, wie sie Reich und Marcuse gefordert hatten, unmittelbar bevor.
Kate Millett prophezeite 1969: "Die Frauen sind in unserer Gesellschaft
das am meisten entfremdete Element. Sie bilden aufgrund ihrer großen
Zahl, ihrer Leidenschaftlichkeit und ihrer langen Jahre der Unterdrückung
die breiteste revolutionäre Basis. Vielleicht werden die Frauen in
der Revolution unserer Gesellschaft eine so tragende Rolle spielen, wie
die Geschichte zuvor kein Beispiel kennt." |
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| Ein Mann im oberen Bett eines Schlafwagens schaut zu, wie eine alte Jungfer sich im unteren Bett auszieht. Sie schraubt einen hölzernen Arm und ein Holzbein ab, entfernt die Perücke, nimmt das falsche Gebiss und ein Glasauge heraus. Plötzlich merkt sie, dass sie beobachtet wird. "Was wollen Sie denn?" ruft sie aus. "Sie wissen ganz genau, was ich will", erwidert er. "Schrauben Sie es ab und werfen Sie es herauf." | |
| Tatsächlich
hat sich nur das sexuelle Klima ein wenig verändert. Fernsehen, Filme
und Kleidung wurden freizügiger, der sexuelle Umgang unverkrampfter,
bequemer. Das erste eheliche Doppelbett im amerikanischen Fernsehen wurde
1964 gezeigt, die erste Abtreibung 1972 erwähnt. Bis zum 30. 4. 1997
aber dauerte es, bis die erste Lesbierin in einer US-Fernsehhauptrolle
auftreten durfte. Chrysler und GM zogen - 1997! - ihre Werbespots in der
nun anrüchig gewordenen Serie zurück, der Sender selbst lehnte
den Werbespot eines Reiseveranstalters ab, in dem sich zwei Frauen auf
einem Kreuzfahrtschiff umarmen. |
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| Gewiss, Menschen
schlafen heute eher miteinander, ohne verheiratet zu sein oder heiraten
zu wollen, vor allem Frauen leben ihre Sexualität - und sei es nur
durch Selbstbefriedigung - häufiger und selbstbewusster aus, und Männer
haben das sexuelle Vorspiel als Notwendigkeit akzeptiert und ritualisiert,
weil es ihnen häufig die einzige Chance bietet, das eigentliche Triebziel,
den genitalen Geschlechtsakt zu erreichen. Aber LeVay, selbst schwul, schätzt
seine heterosexuellen Geschlechtsgenossen durchaus richtig ein: „... vom
weiblichen Standpunkt aus gesehen (ist) das männliche Lebewesen wenig
mehr als ein Parasit, der aus dem weiblichen Fortpflanzungsbestreben Vorteil
zieht“. |
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| Liberalisierung bedeutet
noch keine Revolution. Wenn Foucault in seiner viel gelesenen und noch
häufiger zitierten Kampfschrift zur Durchsetzung des Begriffes "Diskurs"
("Sexualität und Wahrheit") aufgrund einiger Verhaltensänderungen
und unzähliger Veröffentlichungen zum Thema Sexualität die
Unterdrückung der Sexualität seit dem 17. Jahrhundert leugnet,
ist dies nur albern. Ein Blick in die aktuelle Rechtsprechung sollte genügen:
In den USA ist mit Ausnahme von Nevada die Prostitution in allen Bundesstaaten
verboten, werden über 2 Millionen Prostituierte von der Polizei gejagt
(und häufig erpresst). In den meisten Neuenglandstaaten, in Nevada,
Nebraska, Kansas und in fast allen Südstaaten ist jeder außereheliche
Geschlechtsverkehr strafbar, in Arizona, Florida, Idaho, Mississippi, New
Mexico und North Carolina dürfen Unverheiratete nicht zusammenleben.
In Kalifornien wurde ein Mann zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil
er Oralverkehr hatte mit seiner Ehefrau, in Idaho kann Analverkehr mit
lebenslanger Haft bestraft werden und Michigan, dessen Bürger, wären
sie nicht Heuchler, fast alle im Gefängnis sitzen müssten, bedroht
jede Masturbation mit fünf Jahren Haft. In Schweden machen sich Kunden
von Prostituierten strafbar und in Deutschland genügt schon ein vager
Verdacht des sexuellen Umgangs mit Kindern, um alle rechtsstaatlichen Prinzipien
außer Kraft zu setzen. Und nur sexuelle Unterdrückung kann zwei
Bundeswehrsanitäterinnen veranlasst haben, eine Kameradin und ihren
Freund wegen Geschlechtsverkehrs in ihrer Anwesenheit anzuzeigen. |
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| Nein, das häufige
Sprechen über, das Abbilden von Sexualität ist nur ein Ventil
einer sich liberal gebenden, doch immer rigider werdenden Sexualmoral.
Noch nie in der Geschichte hat die sexuelle Berührung eines Kindes,
einer Frau oder eines Mannes ähnlich schwerwiegende Folgen gehabt
wie zu Zeiten der neu nur genannten französischen Philosophen. Unser
Umgang mit der Sexualität wurde nicht freier, nur zutiefst egoistisch
und bequem. Erpicht auf den eigenen, risikolosen Lustgewinn reduzieren
die meisten Sexualität auf eine letztlich masturbatorische Lustversorgung.
Jeder holt sich, was er braucht. Und wenn Sex noch nie so viel besprochen,
gezeigt und vielleicht sogar praktiziert wurde wie heute, war er wohl noch
nie so langweilig, unerotisch, kraftlos. Trotzdem sind Teile der Gesellschaft
- vor allem in den USA - heftig bemüht, die Sexualität weiter
zu säubern, zurückzudrängen in die Harmlosigkeit.
Bereits in den 80er Jahren setzte, ausgehend von den USA, eine antisexuelle Gegenbewegung ein. PorNo-Aktivistinnen wie Andrea Dworkin und Catharine MacKinnow verstanden es, konservative Zensurbestrebungen mit feministischen, auf das Geschlecht reduzierte Vorstellungen von der Würde der Frau in der Forderung nach zunächst sexueller, dann auch politischer Korrektheit (der Bananenschale unter dem Fuß der Wahrheit, wie es in der "Serenade zu Dritt" so schön heißt) zu verbinden. Ihr Versprechen, ein Verbot der Pornographie könne sexuelle Gewalt verhindern oder zumindest reduzieren, schien - obwohl historisch leicht widerlegbar - vielen so attraktiv, dass die PorNo-Kampagne vor allem im Bildungsbürgertum zahlreiche Mitstreiter(innen) fand. Die Auswirkungen sind teils lächerlich, teils tragisch, in jedem Fall politisch gefährlich. |
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| Absurde Auswüchse
zeigte der Kampf gegen sexuelle Belästigung in den USA. Frau Prof.
Sturmhofer z. B. musste gelegentlich in einem Seminarraum unterrichten,
in dem neben anderen Bildern auch eine Reproduktion von Gojas „Maja Desnuda“
hing. Da sich Frau Professor beim Anblick des Gemäldes unbehaglich
fühlte, verlangte sie die Entfernung dieses und weiterer sexuell nicht
korrekter Bilder aus den Räumen der Universität. Eine Dokumentation
dieser Bilder in ihrer Beschwerdeschrift kam zwei Studenten zu Gesicht,
die sich nun ihrerseits durch die geballte Ansammlung unzüchtiger
Kunst sexuell belästigt fühlten und Frau Professor verklagten. Professor Graydon Snyder dagegen, Priester und Dozent am Theologischen Seminar in Chicago, pflegte seit 30 Jahren seinen Studenten und Studentinnen eine Geschichte aus dem Talmud zu erzählen: Ein Mann fällt vom Dach eines Hauses und landet auf einer Frau, mit der er sich versehentlich geschlechtlich vereint. (Das theologische Problem besteht in der Frage, ob solch ein unbeabsichtigter Geschlechtsverkehr sündhaft ist.) Einer Studentin gefiel diese Geschichte gar nicht, sie klagte den Herrn Professor wegen sexueller Belästigung an. Snyder erhielt einen offiziellen Verweis, dessen Erteilung allen Studenten/Studentinnen und Dozenten/Dozentinnen schriftlich bestätigt wurde. Seither muss er in Anwesenheit eines Seminarangestellten lehren, der alle Aussagen Snyders zur Kontrolle auf Tonband mitschneidet. |
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| Und nicht einmal
mehr der angeblich mächtigste Mann der Welt, der Präsident der
USA, kann es sich leisten, eine öffentliche Rechtfertigung seines
recht normalen Sexualverhaltens zu verweigern, das Recht auf Privatheit
einzufordern. Er muss vor laufender Kamera seine Hosen herunterlassen,
damit die Medien die Politstrategien der wirklich Mächtigen ebenso
bedienen können wie die Geilheit des Publikums.
Wer wegen sexueller Belästigung klagt, um eine bessere Abfindung zu erhalten oder eine(n) lästige(n) Mitbewerber(in) im Karrierewettkampf auszuschalten, handelt zwar schäbig, aber immerhin rational. Sehr viel problematischer sind jene Klagen, die auf der Befindlichkeit der Kläger(innen) beruhen. Merilyn French z. B. fühlt sich sogar durch abstrakte Kunst belästigt: „Wenn ich durch die Museen und Kunstgalerien wandere (vor allem in Centre Pompidou in Paris), dann fühle ich mich durch die abstrakten Skulpturen des 20. Jahrhunderts beleidigt, da sie übertriebenen weiblichen Körperteilen ähneln, vor allem Brüsten.“ |
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| Man stelle sich nur
vor, eine Sensibilisierung für Busen-, Vagina- und Phallussymbole
wäre tatsächlich erfolgreich: Sie hätte die bisher umfassendste
Säuberung in der Geschichte von Kunst und Architektur zur Folge.
Wer Empfindungen als Maßstab akzeptiert, liefert sich den Empfindsamsten aus. Gewiss kann von ihnen gelernt werden. So kommt dem Feminismus das bleibende Verdienst zu, auch patriarchalisch beschränkten Männern die Augen geöffnet zu haben für vorher gar nicht wahrgenommene Formen sexueller Unterdrückung und Gewalt. Aber Empfindsamkeiten sind zahlreich, und häufig haben sie biographische Ursachen. So gibt es Menschen, die sich durch den Anblick eines nackten Geschlechts nicht im geringsten belästigt fühlen, dafür aber unter lauter Musik oder hohen Geschwindigkeiten oder dem Geruch von Parfum, Zigarettenrauch, Kohl oder unter Feuerwerken leiden, weil sie den letzten Krieg nicht vergessen können. Ihnen allen steht jeder psychologische Beistand zu, aber nicht das Recht, den Verursacher ihrer Belästigung zu verklagen, die Belästigung verbieten zu lassen. Sie haben nur Anspruch auf Rücksichtnahme, also z. B. auf den Hinweis, ob ein Buch, ein Film, ein Museum etc. sexuell "korrekt" ist oder nicht. Was sie sich zumuten, muss ihre Entscheidung sein, nicht aber, was sie anderen erlauben. Denn jede Zensur ist gefährlicher als es zensierte Inhalte je sein können. Dworkin selbst sollte dies wissen. Zusammen mit ihrer Mitstreiterin Catharine MacKinnow hatte sie 1983 ein Anti-Pornographie-Gesetz entworfen, das zuerst im Stadtrat von Minneapolis verabschiedet und 1992 in das Kanadische Obszönitätsgesetz eingearbeitet wurde. Auf Grund dieses Gesetzes haben die Kanadischen Behörden seither unzählige Bücher beschlagnahmt, u. a. auch „PorNographie“ von Andrea Dworkin. |
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| Man muss daher Pornographie
gar nicht etwas künstlerisch Wertvolles, sexuelle Befreiendes etc.
abgewinnen, um ihr Verbot, das in der Geschichte immer dazu missbraucht
wurde, auch schlicht Missfallendes auszumerzen, zu bekämpfen. In ihrem
Buch „Zur Verteidigung der Pornographie“ versammelte Nadine Strossen, Juristin
und Präsidentin der American Civil Liberties Union, die wichtigsten
Argumente gegen ein Pornoverbot:
- Es gibt trotz aller Schutzbehauptungen von Straftätern keinen Beweis, dass der Konsum von „Pornographie“ gewalttätig macht, im Gegenteil, in Ländern mit hohem Pornokonsum tritt sexuelle Gewalt seltener auf als unter den Bedingungen der Zensur. (Im Mittelalter gab es, sieht man von Kreuzigungsbildern einmal ab, kaum „Pornographie“, und trotzdem - wie Jacques Rossiaud nachwies - sehr viel sexuelle Gewalt.) - Auch eine „Diktatur der Tugend“ ist nur eine Diktatur. Mögen ihre Regeln zum Schutz von Minderheiten, Schwachen, Unterdrückten noch so gut gemeint sein, festigen sie doch nur deren Status, dienen sie nicht der Befreiung, sondern der Disziplinierung, denn Schutz über ein notwendiges Maß hinaus lähmt. - Richard Nixon, aus dem Amt gejagter US-Präsident, behauptete: „Wenn wir gegenüber der Pornographie eine nachgiebige Haltung einnehmen, würde dies zu einer Atmosphäre beitragen, die der Anarchie in allen Bereichen Tür und Tor öffnet.“ - Unsinnig ist auch der Verbotsvorwand, man wolle Pornodarsteller vor einem Mißbrauch schützen, denn ein Verbot der „Pornographie“ wäre im Gegenteil gefährlich für alle Beteiligten, würde die Pornoindustrie nur wieder in den brutalen Untergrund zurückdrängen. Unter den Bedingungen der Illegalität - ähnliches gilt für die Prostitution - würde sich die Lage der an der Herstellung von „Pornographie“ beteiligten Sexarbeiter/innen, deren Berufsrisiko zur Zeit geringer ist als das von Industriearbeiter/innen, wesentlich verschlechtern. |
|
| Es ist schlicht verlogen,
wenn Feministen/innen, Menschenrechtler/innen und Staatsanwälte/innen
den Schutz vor sexuellem Missbrauch für Menschen fordern, die ungeschützt
vor den ökonomischen Gewalten dem Hunger, der Verelendung ausgesetzt
sind. Der Zweck solcher Schutzbehauptungen ist ein anderer: In der Schweiz
wie in den meisten Industriestaaten wird bestraft, wer pornographische
Gegenstände oder Vorführungen, „die sexuelle Handlungen mit Kindern
oder mit Tieren ... zum Inhalt haben, herstellt, einführt, lagert,
in Verkehr bringt, anpreist, ausstellt, anbietet, zeigt, überlässt
oder zugänglich macht“. (Art. 197/3 Strafgesetzbuch Schweiz)
Unter der Annahme, die Darstellung von Sex mit Kindern oder Tieren sei sittlich schwer gefährdend (darüber gleich mehr), ist das Gesetz tadellos. Es bestraft jene, die aus den krankhaften Neigungen ihrer Mitmenschen ein Geschäft machen, erlaubt aber noch (eine Gesetzesänderung ist in Vorbereitung) den Bedürftigen den Erwerb, Besitz und Konsum harter Pornographie. Nun aber wurde ein 58jähriger Mann zu 200 Franken Geldstrafe verurteilt, weil er sich in Holland eine Videokassette bestellt hatte, die Geschlechtsverkehr zwischen Menschen und Pferden zeigt. Das Bezirksgericht als erste Instanz hatte noch nüchtern festgestellt: „Wenn Besitz und Erwerb erlaubt sind, dann lässt sich schwerlich eine plausible Erklärung für die Strafbarkeit der Einfuhr zum Eigengebrauch finden.“ Das Obergericht als 2. Instanz aber berief sich auf ein Bundesgerichtsurteil, das den Pornographie-Artikel anders auslegt. Er solle vor allem potentielle Darsteller vor Ausbeutung, Gewalt und menschenunwürdiger Behandlung bewahren. |
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| Pornophobie wurzelt
in einem tiefen Misstrauen gegen Sex, in der Angst vor Sexualität
und ist ebenso konservativ wie apolitisch und kulturfeindlich. Es sind
doch ökonomische, soziale, rechtliche, familiäre Verhältnisse
und nicht vordergründige Männerphantasien (die übrigens
von immer mehr Frauen geteilt werden), die Gewalt und Diskriminierung hervorrufen.
Wer das Geschlechterverhältnis durch ein Pornoverbot verändern
will, merkt gar nicht, dass er damit den Menschen auf sein Geschlecht reduziert.
Nur wer die Menschenwürde im Geschlecht lokalisiert, kann einen Angriff
auf das Geschlecht als einen Angriff auf die Würde missverstehen.
Zurecht haben Susan Brownmiller und andere darauf hingewiesen, dass Vergewaltigung
nicht ein Verbrechen ist, in dem es um Sex geht, sondern um Gewalt |
|
| Gerade diese Forderung
aber macht den Umgang mit der Pädophilie so schwierig. Denn Kinder
- mehr noch als Frauen - lassen aus Unsicherheit, Neugierde, Übermut
oder Respekt manchmal mit sich geschehen, was sie vielleicht gar nicht
geschehen lassen wollen. Pädophilie ist häufig ein Missbrauch
von Kindern, der ihnen manchmal tatsächlich schadet. Die Tatsache,
dass Millionen Kinder jährlich Schlimmeres ( z. B. Hunger) nicht überleben,
relativiert das mögliche Vergehen nicht. Jede Gesellschaft hat das
Recht, sich nach ihrem Wissen oder Interesse oder Glauben die Gesetze zu
geben, die sie zu benötigen meint. Zumindest in Europa und den USA
ist zur Zeit jeder sexuelle Umgang mit Kindern verboten Anm.,
Pädophile haben sich selbstverständlich an die entsprechenden
Gesetze zu halten, sollten freilich wie bei allen, sogar den gründlichsten
Gesetzen deren Änderung anstreben dürfen.
Doch Pädophilie scheint zur Zeit mehr als nur ein Gesetzesverstoß. Die Liebhaber/innen von Kindern provozieren die Gesellschaft wie einst die Hexen. Pädophilie wird nicht als Straftat gewertet und bestraft, sondern als ein Vergehen, das den Täter oder die Täterin außerhalb der menschlichen Gemeinschaft stellt. |
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| In Anknüpfung
an mittelalterliche Praktiken werden Pädophile (in den USA auch Homosexuelle
Anm.)
an den Pranger gestellt. In Genf wurde 1998 das Urteil gegen einen Pädophilen
(18 Monate auf Bewährung) drei Monate lang öffentlich ausgehängt In Berlin wurde ein 54jähriger Pädagoge wegen der Herstellung und Verbreitung von Kinderpornographie verurteilt, obwohl er untertänigst jedes Bild vor der Veröffentlichung bei der zuständigen Fachdienststelle der Kriminalpolizei vorgelegt hatte. |
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| Pädophilie ist
mehr ist als nur ein medizinisches oder strafrechtliches Problem. Über
60 Jahre alt sind die 14 Reliefs der Kreuzwegstationen der Katholischen
Kathedrale von Westminster, und nichts an ihnen störte die Andacht
der Gläubigen, bis bekannt wurde, dass ihr Schöpfer Eric Gill
nicht nur Bedienstete, Tiere und seine Schwester gevögelt hat, sondern
auch zwei seiner drei Töchter. Nun fordern „Christliche Überlebende
des Sexualmissbrauchs“ die Entfernung der Kreuzwegstationen. |
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| Wo nicht mehr das
Werk, sondern die Rasse oder eine sexuelle Präferenz des Schöpfers
den Wert bestimmt, ist höchste Vorsicht angebracht. Die Motive der
PorNo-Aktivisten/innen, der Kindersexverfolger/innen mögen noch so
lauter sein, das Ergebnis ihrer Tätigkeiten muss erschrecken. Die
(Schein-)Liberalisierung im Umgang mit Sexualität wird nicht nur,
was noch zu verschmerzen wäre, rückgängig gemacht, sondern
wir erleben die Wiederkehr einer rigiden Sexualmoral, die nicht weniger
menschenfreundlich sein will als der Viktorianismus, und nicht weniger
zerstörerisch sein wird.
Wie tiefgreifend dieser Wandel ist, zeigt unser Umgang mit AIDS. Diese schreckliche, auch sexuell übertragbare Immunkrankheit, die immerhin ein Zehntel so viel Opfer fordert wie die Tuberkulose |
|
| Keine Krankheit kann
so schlimm sein, dass sie Enthaltsamkeit oder ausschließliche Masturbation
oder Monogamie oder die regelmäßige Benutzung eines Kondoms
rechtfertigt, denn Enthaltsamkeit macht verrückt, Masturbation einsam,
Monogamie wunschlos glücklich. Der selbstverständliche Gebrauch
des Kondoms aber wäre nach Besteck, Deodorant und Wangenreiben nur
der nächste Zivilisationsschritt zur Entsinnlichung des Lebens, zur
Entfremdung des Menschen nicht nur von der Arbeit, sondern von seinen Mitmenschen.
Andererseits könnte Aids, bis in absehbarer Zeit das Problem medizinisch gelöst sein wird, uns wieder bewusst machen, dass es kein Leben, bestenfalls ein Vegetieren ohne Risiko gibt, also auch keine Sexualität, höchstens Befriedigung. Befriedigung bei gleichzeitiger Risikovermeidung muss freilich bis zur Lächerlichkeit reglementiert werden. Vieles deutet darauf hin, dass in hochentwickelten Industriestaaten nicht zuletzt zur Konfliktvermeidung die Sexualität zur medialen Triebbefriedigung verkommt. Telefonsex, Fernsehvoyeurismus, Cyberspacesex sind die trostlosen Vorzeichen der Entsozialisierung auch in der Sexualität. |
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| Seitdem und solange
Sex und Fortpflanzung, Vergnügen und Reproduktion unlösbar miteinander
verbunden waren, kämpften zwei Gruppen um die immer wieder wechselnde
Vorherrschaft. Dem Versuch der einen, sexuelles Vergnügen ohne Folgen
auszuleben, stand der Versuch der anderen gegenüber, die Sexualität
auf die Fortpflanzung zu beschränken, wobei die Durchsetzung des jeweiligen
Prinzips von wirtschaftlichen und somit politisch-religiösen Verhältnissen
abhängig war.
In der Geschichte der Sexualität stießen wir auf eine eher restriktive Sexualmoral in Phasen angestrebter Vermehrung der Bevölkerung bzw. der Eroberung fremder Reiche. Restriktiv verhielten sich die Juden, um ihr Überleben in einer feindseligen Umwelt zu sichern, die Griechen und Römer, bis ihre Vorherrschaft gefestigt war (ähnliches gilt heute wieder für den Islam), die Christen in der Durchsetzung ihres Absolutheitsanspruches, der Frühkapitalismus in seiner vom Protestantismus begleiteten Entstehungszeit, der Hochkapitalismus in der viktorianischen Epoche, als es an Arbeitskräften mangelte, und alle Mächte in der Vorbereitung menschenverschlingender Volkskriege. Sexuell großzügig waren Gesellschaften eigentlich nur in Endphasen, Griechen und Römer auf dem Höhepunkt ihrer Macht, die höfische Gesellschaft im blinden Selbstvertrauen des Absolutismus. Was für Epochen gilt, lässt sich auch an historisch kurzen Zeitabschnitten beobachten: Die rigide Sexualmoral Nachkriegsdeutschlands wich der Libertinage, als der Wiederaufbau geschafft war. |
|
| Diese Wellenbewegungen
der Sexualmoral sind nicht verwunderlich. Zum überlebensnotwendigen
Essen und Schlafen zwecks Regeneration müssen Menschen nicht angehalten
werden, sie tun es allein schon aus egoistischen Gründen, wobei sich
der biologische Zwang mit genussvollem Vergnügen verbinden kann, wenn
es die wirtschaftlichen Verhältnisse erlauben. Sexualität dagegen
dient nicht der Erhaltung der einzelnen Menschen, sondern der Menschheit.
Fortpflanzung ist daher nicht egoistisch, nur sozial zu gewährleisten.
In der lustvoll erlebten Sexualität verführt uns die Natur zwar
zu tun, was viele von uns vielleicht gar nicht tun wollen: Kinder in die
Welt zu setzen. Der Sinn des Geschlechtsaktes, Sonneberg sah es völlig
richtig, liegt darin, ihn auszuführen (und die sozialen Folgen des
egoistischen Handelns in Kauf zu nehmen). Wir glauben, wir würden
zum Vergnügen bumsen, in Wirklichkeit tun wir es, um die Menschheit
zu erhalten und durch unbewusste pränatale Selektion bei der Partnersuche
ihre Überlebenschance zu verbessern.
Moraltheologen und Staatsmänner aber rufen uns durch rigide Sexualmoral die Pflicht zur Reproduktion in Erinnerung. Sie handeln als Korrektiv menschlicher Ichsucht, als Erzieher des Volkes, als Ideologen der Fortpflanzung, die diese nicht dem Zufall überlassen wollen und schon gar nicht menschlicher Willkür. Sexualmoral ist also nicht nur ein äußerst effektives Disziplinierungsinstrument, denn Untertanen, die ihre Sexualität regulieren können, sind auch fast jeder anderen Anpassung fähig. Zugleich ist die Sexualmoral auch ein Steuerungsinstrument zur Vermehrung, gelegentlich auch zur Reduzierung der Staats- oder Religionsangehörigen. |
|
| Zumindest gilt letzteres
für die Fortpflanzungssexualität. Nun aber scheint sich trotz
der Entsinnlichung der Sexualität, trotz neuer Prüderie und Rufen
nach dem Zensor die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung anzubahnen.
Erlaubte die Antibabypille schon die Regulierung einer Empfängnis,
wird die Reproduktionsmedizin nicht nur die Belastung der Frau durch die
Schwangerschaft reduzieren, sondern eines Tages die Schwangerschaft aus
dem Körper der Frau ins Labor verlagern. Damit wird die Reproduktion
organisierbar und bedarf keiner Moral mehr.
Noch mag die Vorstellung einer außerkörperlichen Reproduktion des Menschen viele erschrecken und ihnen männlich absurd erscheinen, beraubt sie doch Frauen ihrer vermeintlich wichtigsten Funktion als Gebärerin. Auch fehlt unserer Gesellschaft noch die politische Reife, die Reproduktionsmedizin (gleiches gilt für die Gentechnologie) verantwortlich herrschaftsfrei und menschenwürdig zu betreiben. Und doch ist sie die vielleicht wichtigste Voraussetzung für die Überwindung des eben doch nicht nur gesellschaftlich, sondern ursprünglich biologisch geprägten männlichen und weiblichen Rollenverhaltens. Die Emanzipation von Männern und Frauen zu Menschen, die nicht durch geschlechtsspezifisch unterschiedliche Interessen den andersgeschlechtlichen Teil dominieren wollen, kann nur gelingen, wenn nicht mehr allein die Frauen Kinder austragen und gebären müssen. Das Männerkindbett hilft, wie wir sahen, dabei nicht weiter, war nur eine Anmaßung männlichen Wahns. So zu tun als ob, verändert, wie das Bemühen um mannigfaltige Korrektheiten zeigt, nichts. Doch wie es uns mühsam gelingt, den alttestamentarischen Fluch der Arbeit zu überwinden durch Technologie (noch scheitern wir allerdings an der Umverteilung der verbliebenen Arbeit, an der Loslösung von einem längst überholten Arbeitsethos), wird Technologie auch den göttlichen Fluch des Gebärens vergessen machen. Und Gebären ist allen feministischen Mutterideologen/innen zum Trotz ein Fluch: Unter allen Männerträumen zählt die Sehnsucht nach dem Erleben einer Schwangerschaft zu den außergewöhnlichsten. Frauen, die ihr Glück im Gebären finden, haben sich nur mit dem Schicksal abgefunden und erleiden die Freuden des Masochismus. |
|
| Es ist durchaus möglich,
dass solche Überlegungen voreilig sind, dass Frauen sich wieder in
ihre überkommene Frauenrolle zurückdrängen (vielleicht auch
zurückfallen) lassen oder ihre Herrschaft über die Männer
zurückerobern. Aber die Tendenz der Angleichung von Mann und Frau
ist unübersehbar nicht nur im Körperbau, in der Mode, im Umgang
mit Schmuck und Parfum. Viel entscheidender ist, dass heute schon die Befreiung
der Lust von ihrer Zeugungsfunktion Frauen zumindest in den wirtschaftlich
höher entwickelten Ländern nach der ökonomischen und somit
politisch-religiösen auch die sexuelle Emanzipation ermöglicht.
Sex wird auch für Frauen wieder, was er für Männer immer
war: ein egoistisches Vergnügen. Die damit verbundene Entsozialisierung
nun auch der weiblichen Sexualität darf und wird nur ein Zwischenstadium
sein, denn nur als soziales Wesen ist der Mensch überlebensfähig.
Auf das Chaos, das jede Befreiung von Zwängen hervorruft, folgt die
freiwillige Bindung unter Gleichwertigen, und Entsozialisierung ist nur
eine weitere Voraussetzung zur Überwindung sozial geprägter Rollenklischees.
Sexualität wird sich dabei zu der intensivsten Form der Kommunikation
unter Menschen fort- und zugleich zurückentwickeln, an der auch Kinder
und Alte, für die heute noch sexuelle Tabus gelten, teilhaben dürfen.
Unaufhaltsam scheint damit auch eine Entmännlichung der Sexualität,
die Rückkehr zur Bisexualität, zum Sex als einem freudigen, gewaltigen
Erlebnis, dessen Formen nicht durch wechselnde Nützlichkeitsmoral,
sondern durch die Würde des Menschen und seiner geschlechterunabhängigen
Achtung des anderen bestimmt werden wird. Noch 1903 konnte der Psychiater
Paul Julius Möbius dekretieren: „Je gesünder der Mensch ist,
um so entschiedener ist er Mann oder Weib.“ © 2001 Karl Pawek pawek@web.de |
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