| Kurz nur
währte die Zeit sexueller Anarchie nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches.
Hungernde Frauen, allein erziehende Mütter schenkten für ein
paar Zigaretten, ein wenig Schokolade oder ein Paar Strümpfe westlichen
Besatzungssoldaten, was sich deren sowjetische Kameraden mit Gewalt genommen
hatten. Doch schnell gewannen kleinbürgerliche Zucht und Ordnung in
Europa wieder an Einfluss, am rigidesten dort, wo die menschenverachtende
Barbarei am brutalsten gewesen war, als wolle man die Verbrechen des Krieges
durch Sittsamkeit kompensieren.
In der Bundesrepublik der 50er Jahre war Nacktheit absolut tabu, Selbstbefriedigung ein schweres Vergehen und - wenn auch nicht mehr körperlich, so doch geistig - grausam schädlich. Die Aufklärungsliteratur - zumeist kaum veränderte Abschriften von Van de Veldes Bestseller "Die vollkommene Ehe" - festigte in aller Betulichkeit die alten Vorurteile vom überlegenen, aktiven Mann und der durch ihre Geilheit gefährdeten Frau. Van de Veldes "Die vollkommene Ehe", gleichzeitig in Holländisch und Deutsch geschrieben, hatte bereits zwischen 1926 und 1932 in Deutschland 42 Auflagen erreicht. Von der Katholischen Kirche längst auf den Index gesetzt, wurde das Buch 1933 auch von den Nationalsozialisten verboten, obwohl es sich ausschließlich an rechtmäßig verheiratete Paare richtete und der Autor den nach-viktorianischen Opfern ihrer viktorianischen Erziehung die Sexualität so beschrieb, dass sie sich weder alarmiert noch abgestoßen fühlen konnten. Beim Frühstück nach der Hochzeitsnacht entdeckt der junge Ehemann, dass seine Frau ihm einen Salatkopf auf den Teller gelegt hat und sonst gar nichts. "Ich wollte nur sehen, ob Du auch wie ein Karnickel isst", erklärt sie. Schon van de Velde hatte die Männer
davor gewarnt, ihre Frauen sexuell zu sehr verwöhnen, da Frauen dadurch
unersättlich würden: „Ihre Leistungsfähigkeit übertrifft
dann meistens die des Mannes ... Ich rate dem Gatten, seine Frau nicht
in unüberlegter Weise an Höchstleistungen zu gewöhnen, denen
sie auf die Dauer wohl, er aber nicht gewachsen sein würde.“ Jugendliche sollten - wie bei Rousseau
- mit dem Thema Sexualität am besten überhaupt nicht in Berührung
kommen. |
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| Doch Hollywood, Häschen
und ein Gallwespenforscher störten diese asexuelle Idylle. Amerikanische
Filmproduzenten und Verleger nutzten skrupellos die verkaufsfördernde
Wirkung sexueller Symbole, und alles Lamentieren abendländischer Kulturpessimisten
konnte nicht verhindern, dass dieser "Amischund" auch nach Westeuropa kam
und vor allem bei Jugendlichen die Ahnung weckte, dass es neben Mutterliebe
und Bienenfleiß noch andere Formen der Lust gibt. Sie untersuchte
der Biologe Alfred Kinsey. Was er über "Das sexuelle Verhalten des
Mannes" (1948) und der Frau (1953) herausfand, erschütterte die Fassaden
der bürgerlichen Moral: 90% aller Männer masturbieren, 30% haben
homosexuelle Erfahrungen, 50% aller Bräute sind keine Jungfrauen mehr,
25% aller Ehefrauen sind auch außerhalb ihrer Ehe geschlechtlich
aktiv |
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| Dennoch blieb so
viel Empirie nicht ungestraft. Nach der Veröffentlichung des Kinsey-Reports
über Frauen strich die Rockefeller-Stiftung den 100 000-Dollar-Zuschuss
für sein Institut, Bücher, die im New Yorker Hafen für Kinsey
ankamen, wurde von der Hafenbehörde "wegen ihres unsittlichen Inhalts"
verbrannt. |
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| Noch einen Schritt
weiter als Kinsey gingen Masters und Johnson. Sie beobachteten die Sexualorgane
von Männern und Frauen während des Geschlechtsaktes Bedeutsamer aber als der wissenschaftliche Wert dieser Untersuchungen war ihre massenhafte Verbreitung. Sie befreite die Sexualität aus der Intimität, machte sie zu einem öffentlichen Thema. Das großbürgerliche Verwertungsinteresse sprengte die Fesseln der kleinbürgerlichen Moral. |
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| Dies gilt auch für
die bedeutendste Erfindung in der Geschichte der Sexualität, die "Antibabypille“,
denn sie erst macht wirklich die „größte Geschlechtskrankheit,
die Schwangerschaft“ (Brecht) beherrschbar. Obwohl letztlich nur ein Koitus
von 1000 zur Befruchtung führt |
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| Obwohl die Abtreibung,
wie Anna Bergmann feststellt, nur verurteilt werden kann als „Konkurrenzunternehmen
zu einer Männergesellschaft, in der sich allein staatliche und wissenschaftliche
Institutionen das Recht angeeignet haben, über Leben und Tod zu entscheiden“ |
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| Um 1930 gelang es
endlich den Wissenschaftlern Knaus und Ogino unabhängig voneinander,
die Zeitspanne der Empfängnisfähigkeit der Frau so weit einzugrenzen,
dass zur Empfängnisverhütung theoretisch nur mehr der Verzicht
auf Geschlechtsverkehr an drei Tagen um den Eibläschensprung (Ovulation)
notwendig ist. |
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| Erst die ovulationshemmende
Pille, die 1960 in den USA Kirchen und Konservative erkannten sofort die moralische Sprengkraft der Pille. Die Katholische wie die Evangelische Kirche sahen in der Antibabypille eine Entweihung der Ehe- und Familienordnung. Nach sieben langen Jahren des Nachdenkens untersagte schließlich der Papst in seiner Enzyklika „Humanae Vitae“ ihren Gebrauch. Pragmatischer argumentierte die Wochenzeitung "Die Zeit": "Auch ist die Angst vor ... der "Schande" noch immer ein kräftiges Regulativ in unserer so toleranten Gesellschaft. Sie zu beseitigen hieße, für viele die letzten Schranken einreißen, die den Weg in einen zweifelhaften Lebenswandel mit seinen Folgen versperren." Ärzte, die jahrelang zu den für 1000 Kinder tödlichen und 6000 Kinder verstümmelnden Nebenwirkungen des Schlafmittels Contergan trotz deutlicher Hinweise geschwiegen hatten, warnten die Frauen vor den gefährlichen Folgen dieses Verhütungsmittels und behalten sich bis heute in vielen Ländern das Recht vor, über ihre Vergabe per Rezept - anfangs nur an verheiratete Mütter - zu entscheiden. (Um so überraschender ist, dass es im katholischen Spanien die Antibabypille ohne Rezept und sehr viel billiger als in Deutschland zu kaufen gibt.) Dabei geben sie durchaus zu, dass weniger medizinische als moralische Gründe für sie ausschlaggebend sind. |
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| Auch die Ideologen der DDR hatten Schwierigkeiten mit der Pille. Einerseits brauchte man weibliche Arbeitskräfte, was der Emanzipation der Frau förderlicher war als jede Kampagne, und ihr eine Stellung in der Gesellschaft sicherte, deren Wert viele Frauen erst nach der Wiedervereinigung erkannten. Andererseits benötigte der Staat Bürgernachwuchs, um durch den Exodus in den Westen nicht entvölkert zu werden. Daher kam die Pille unter dem Namen „Ovositon“ erst 1965 zur Produktion, zunächst noch nicht aus synthetischen Hormonen hergestellt, sondern aus republikweit gesammelter Schweinegalle. Seit Anfang der 70er Jahre wurde sie der mehr kleinbürgerlichen als sozialistischen Moral gemäß als „Wunschkindpille“ zwar kostenlos, freilich nur auf Rezept abgegeben. | ![]() |
| Mit der Pille, die
in Deutschland von fast einem Drittel aller Frauen zwischen 14 und 44 Jahren
eingenommen wird, ist die früher unlösbare Verbindung zwischen
Sexualität und Zeugung aufgehoben worden - zumindest für Frauen
in den hochentwickelten Industriestaaten. |
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| Sinnvoller als die
jahrzehntelange Hormonzufuhr wäre es, die Antibabypille durch die
„Pille danach“ zu ersetzen. Sie gibt es schon seit Generationen. So inserierten
Apotheker Ende des 19. Jahrhunderts in amerikanischen Zeitschriften: "Pillen
zur Regulierung der Periode. Frauen in anderen Umständen werden gewarnt,
dieselben zu gebrauchen, da sonst unfehlbar Abort erfolgen müsste." |
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| Sinnvoller wäre
auch die in den USA gebräuchliche „Menstruationsregulierung“: Wenn
eine Frau nicht 40 Tage auf das Ergebnis eines Schwangerschaftstestes warten
will, kann sie sich in einem nur wenige Minuten dauernden Vorgang die Uterusschleimhaut
mit einem eventuell befruchteten Ei absaugen lassen. Doch wie bei der Abtreibungsdiskussion geht es auch in Fragen der Empfängnisverhütung nicht um Moral, sondern um Interessen. Anm. Durch die wirtschaftliche und in deren Folge rechtliche Entwicklung haben Frauen in den meisten Industriestaaten eine zumindest seit Jahrtausenden nicht mehr gekannte Gleichberechtigung gewonnen. Das letzte Mittel des Patriarchats, über die sexuelle und damit auch intellektuelle Potenz der Frau zu bestimmen, ist die Verfügungsgewalt über ihren Bauch. Frauen, die hierbei mit Männern kollaborieren, verraten ihr eigenes Geschlecht. © 2001 Karl Pawek pawek@web.de |