| Nicht nur Homosexuelle
erwarteten viel von der Oktoberrevolution, vom Wandel der Gesellschaft.
Und tatsächlich revolutionierte der Sozialismus auch den Umgang mit
der Sexualität. Man muss schon taub, blind, dumm oder ein Betrüger
sein, um dies in der Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus leugnen
zu wollen.
Selbstverständlich gab es auch im Sozialismus Perioden sexueller Unterdrückung, aber anders als im Faschismus entsprangen sie nur verkürzten, vulgärpsychologischen Vorstellungen, sexuelle Repression ließe sich zur Disziplinierung in Notzeiten zu nutzen. Wie so oft in der Menschheitsgeschichte sollte die sexuelle Unterdrückung der Abwehr äußerer Gefahren dienen. Die sexuelle Repression des Faschismus dagegen bezweckt die Ausschaltung einer inneren Gefährdung dieses Wahnsystems. |
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| Rückblickend
betrachtet scheinen die Vordenker des Sozialismus, Marx, Engels, Bebel,
keine sexuellen Revolutionäre gewesen zu sein. Als Familienoberhaupt
war Marx ein gewöhnlicher geiler Spießer, der sich um die Jungfräulichkeit
seiner Töchter sorgte Anm.,
anderer Leute Töchter aber fickte, wenn sich nur die Gelegenheit ergab.
Im Kommunistischen Manifest jedoch geißelte er die Unmoral des Großbürgertums:
„...unsere Bourgeoisie, nicht zufrieden damit, dass ihnen die Weiber und
Töchter ihrer Proletarier zur Verfügung stehen, von der offiziellen
Prostitution gar nicht zu sprechen, findet ein Hauptvergnügen darin,
ihre Ehefrauen wechselseitig zu verführen.“ |
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| Das Sein setzt auch
dem fortgeschrittensten Bewusstsein Grenzen. Doch verglichen mit bürgerlichen
Vordenkern wie Nietzsche ("Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!"
Zarathustra), Schopenhauer ("Zu Pflegerinnen und Erzieherinnen unserer
ersten Kindheit eignen die Weiber sich gerade dadurch, dass sie selbst
kindisch, läppisch und kurzsichtig, mit einem Wort, zeitlebens große
Kinder sind: eine Art Mittelstufe zwischen dem Kinde und dem Manne, als
welcher der eigentliche Mensch ist." Über die Weiber, § 364)
Anm.,
Hegel ("Der Unterschied zwischen Mann und Frau ist der des Tieres und der
Pflanze: Das Tier entspricht mehr dem Charakter des Mannes, die Pflanze
mehr dem der Frau, denn sie ist mehr ruhiges Entfalten, das die unbestimmtere
Einigkeit der Empfindung zu seinem Prinzip erhält." |
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| Die Oktoberrevolution
1917 war daher auch ein sexualpolitischer Befreiungsschlag. Binnen weniger
Wochen verwirklichte sie, worauf die Menschen in den westlichen Demokratien
z. T. noch Jahrzehnte warten mussten: freie Namenswahl bei der Eheschließung,
Strafbarkeit einer Vergewaltigung auch in der Ehe Vor allem Frauen nutzten die neuen Gesetze, um sich von ungeliebten Partnern scheiden zu lassen, zumal sich mit der Oktoberrevolution auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft gründlich verändert hatte: Frauen erhielten das Wahlrecht und das Recht auf ein eigenes Personaldokument, gleichen Lohn für gleiche Arbeit (wobei Hausarbeit mit außerhäuslicher gleichgesetzt wurde), sie mussten ihrem Ehemann nicht mehr an einen neuen Wohnsitz folgen und wurden Eigentümerinnen ihres durch Arbeit erworbenen Besitzes. |
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| So weit, so gut.
Als aber Alexandra Kollontai auch noch eine neue Sexualethik verwirklichen
wollte, in der volle Freiheit und Gleichheit und Aufrichtigkeit in kameradschaftlicher
Solidarität herrschen sollten ohne jede Einschränkung möglicher
Formen geschlechtlicher Liebesvereinigung, wurde es sogar Lenin unheimlich.
Irritiert durch die Vorstellung, man könne Liebe machen, wie man ein
Glas Wasser trinkt, fragte er 1920 Clara Zetkin: „Durst will befriedigt
sein. Aber wird sich der normale Mensch unter normalen Bedingungen in den
Straßenkot legen und aus einer Pfütze trinken? Oder auch nur
aus einem Glas, dessen Rand fettig ist von vielen Lippen?“ |
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| Lenins gar nicht
originäre Gleichsetzung von ungehemmter Sexualität mit Schmutz
macht einmal mehr deutlich, aus welch dunklen, durch Verstand und Wissen
kaum beeinflussbaren Quellen sich die Sexualmoral nährt. Nur wenige
Sozialisten konnten sich wie Otto Dix dieser als positiv geltenden Zwangsmoral
entziehen. Auf Conrad Felixmüllers Frage, ob er nicht für fünf
Mark Monatsbeitrag in die kommunistische Partei eintreten wolle, antwortete
Dix: “Dafür gehe ich lieber in den Puff.“ |
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| Wesentlich weiter
ging der marxistische Sexualwissenschaftler Wilhelm Reich. Als Arzt und
Psychoanalytiker forderte er schon in den Zwanzigerjahren die nicht nur
masturbatorische Befreiung jeder genitalen Sexualität, deren Unterdrückung
die Untertanenmentalität nähre. Im Unterschied zu Freud hielt
er nichts von Sublimierung, weil er erkannt hatte, „dass die Sexualunterdrückung
die massenpsychologischen Grundlagen einer bestimmten, nämlich der
patriarchalischen Kultur in allen ihren Formen bildet, nicht aber die Grundlage
der Kultur und ihrer Bildung überhaupt“. |
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| Mit Stalin, dessen
Sexualpolitik Reich heftig kritisierte, hatten auch in der Sowjetunion
autoritäre Strukturen das Maß des Notwendigen wieder überschritten,
der Sozialismus wurde konservativ (woran er vorübergehend scheitern
sollte). In Anlehnung an Freud entwickelte Zalkind eine Theorie der Konservierung
von Energie: Energie, die den sozialistischen Bemühungen durch sexuelle
Vergeudung verloren gehe, sei Energie, die der Revolution und dem Proletariat
gestohlen werde. |
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| Die sexualpolitische
Intoleranz im Sozialismus war (und ist heute noch auf Cuba und in China)
die Folge profanen Nützlichkeitsdenkens. Das machte sie nicht erträglicher,
aber immerhin wandelbar. Entschärften sich die ökonomisch/politischen
Bedingungen, verschwanden auch die sexualpolitischen Beschränkungen
wieder.
Auch die faschistische Sexualmoral kennt dieses Effizienzdenken. Wer Großes vorhat, braucht viel Menschenmaterial. Zwar hätte es für ein „Volk ohne Raum“ nahegelegen, sich in der Gebärfreudigkeit zu beschränken, das Austragen ungewollter Schwangerschaften nicht zu erzwingen. Doch das Gegenteil war der Fall. Die Empfängnisverhütung wurde durch ein Vertriebsverbot geeigneter Mittel erschwert, die Abtreibung immer strenger, ab 1943 sogar mit der Todesstrafe geahndet, um Deutschland stark zu machen zunächst für den Angriff, später zur Verteidigung. Die Sexualgesetzgebung eines Landes erweist sich meist als verlässlicher Indikator künftiger Entwicklungen. Denn Moral dient immer nur ökonomischen und damit politischen Zielen, nur wird dies selten so deutlich wie bei den Nationalsozialisten. |
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| Gleichzeitig aber, und das unterscheidet sie von den Sozialisten, fürchten sie Sex wie der Teufel das Weihwasser. Weil Sex Energien bündelt und freisetzt und dadurch den völkisch-vaterländischen Ordnungsstrukturen entzieht, weil sexuelle Lust immer asozial und daher subversiv ist - wie gerne und mit welch elendem Nachgeschmack haben sogar gläubige Nazis Jüdinnen gestoßen -, empfindet der Faschist jede nicht zeugungsnotwendige Sexualität als bedrohlich - zumindest bei seinen Volksgenossen. | ![]() |
| Zu den ersten sexualpolitischen
Maßnahmen nach der Machtübergabe gehörte folglich das Verbot
jeglicher pornographischer Literatur und aller Organisationen, die sich
für Homosexuelle eingesetzt oder zu deren Emanzipation aufgerufen
hatten |
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| Im Zentrum nationalsozialistischer
Sexualpolitik stand die Erzeugung von Kindern, also künftigen Arbeitskräften
und Soldaten. Anm. Schon 1908
hatte der Philosoph von Ehrenfels die Einrichtung einer Art Großbordells
vorgeschlagen, in dem sich Mädchen und Frauen im Dienste einer Rassengenese
kasernieren lassen müssen, um besser selektierte Kinder zu erzeugen. Für die Produktion von Arbeitern entwickelte kurz vor dem 1. Weltkrieg der Berliner Biologe Dr. Hermann Klaatsch den Plan, Gorillas und Eingeborene aus Deutsch-Südwestafrika zu kreuzen, dadurch wollte er "auf breiter Basis Arbeiter produzieren, die über mehr Muskelkraft als jeder noch so gut entwickelte Mensch verfügen und dank ihrer primitiven Geistesverfassung bestens dazu geeignet wären, ausgebeutet zu werden". Schon diese wenigen vorfaschistischen Beispiele zeigen die Relativität jeder Sexualmoral. Allein die Nützlichkeit bestimmt letztlich ihre Form. |
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| Anfangs gaben sich
die Nationalsozialisten in ihrer Frauenpolitik ganz konventionell. Arbeitsplatzbesitzerinnen
wurden zugunsten der Männer in ihre Familien zurückgeschickt,
Ehestandsdarlehen, die durch Gebärleistungen abgegolten werden konnten,
sollten die Familienbildung fördern, der Bund Deutscher Mädchen
verstand sich als Schule der Fraulichkeit, die allerdings von vielen Eltern,
die den Platz ihrer Tochter zu Hause sahen, argwöhnisch beobachtet
wurde. Sie fürchteten, dass gründliches Waschen des eigenen Körpers,
ein Erziehungsziel der Hitlerjugend, wie die ungewöhnlich freizügige
Turnkleidung zu verderblichen sexuellen Phantasien führen könnten.
Die Abkürzung BdM wurde anzüglich übersetzt mit "Bald deutsche
Mutter" oder "Bedarfsartikel deutscher Männer".
"Ein junger Lehrer, der sich NS-Sporen verdienen möchte, stellt folgendes Aufsatzthema: Hätte Werther Selbstmord begangen, wenn er in der HJ gewesen wäre? Daraufhin soll eine Lehrerin einer Mädchenklasse in edlem Wetteifer das Thema gegeben haben: Wäre die Jungfrau von Orleans Jungfrau geblieben, wenn sie im BdM gewesen wäre?" |
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| Für Hitler und
die meisten Deutschen war die Frauenemanzipation eine Erfindung des jüdischen
Intellekts und gemeingefährlich: „Die Verjudung unseres Seelenlebens
und Mammonisierung unseres Paarungstriebes werden früher oder später
unseren gesamten Nachwuchs verderben.“ |
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| Willig folgte die deutsche Frau ihren Führern, 1935 stieg die Geburtenrate in den Städten um 37%. Mitgetragen vom überwiegenden Teil der Bevölkerung, erst recht von der Ärzteschaft, sollte nun nach der Quantität auch die Qualität des Nachwuchses verbessert werden. Das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre verbot alle Ehen zwischen Juden oder Zigeunern und Deutschen. Der Rassenwahn der Nazis war allerdings genauso wenig neu wie seine sexualtheoretische Begründung durch den Gauleiter Julius Streicher: "Artfremdes Eiweiß ist der Same eines Mannes von anderer Rasse. Der männliche Same wird bei der Begattung ganz oder teilweise von dem weiblichen Mutterboden aufgesogen und geht so in das Blut über. Ein einziger Beischlaf eines Juden bei einer arischen Frau genügt, um deren Blut für immer zu vergiften. Sie hat mit dem artfremden Eiweiß auch die fremde Seele in sich aufgenommen. Sie kann nie mehr, auch wenn sie einen arischen Mann heiratet, rein arische Kinder bekommen, sondern nur Bastarde, in deren Brust zwei Seelen wohnen und denen man körperlich die Mischrasse ansieht." Anm. |
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| Ist es auch Unsinn,
so hat er doch Tradition. Wer die Frau als Gefäß sieht, als
Gebärmutter, den männlichen Samen dagegen in Anlehnung an klassische
Philosophen und Kirchenväter als schöpferischen Erzeuger, muss
so denken. Einmal mehr erweisen sich hier die Nazis nur als radikale Interpreten
abendländischen Kulturmülls.
Allmählich aber durchstieß der Nationalsozialismus in seinem Drang, Deutschland tatsächlich zu einem Volk ohne genügend Raum zu machen, die Grenzen der bürgerlichen Moral. In den insgesamt zwanzig Heimen des längst nicht so bedeutenden wie berüchtigten Vereins "Lebensborn" sollten auch uneheliche Kinder gezeugt werden, der voreheliche Geschlechtsverkehr unter Jugendlichen im Elternhaus wurde entkriminalisiert in der Hoffnung auf Nachwuchs. Aber auch das war nicht neu, denn in allen Gesellschaften zu allen Zeiten nimmt, wenn nur Arbeitskräftemangel besteht, die Toleranz der Gesellschaft gegenüber illegitimen Sexualbeziehungen zu. |
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| Die deutsche Frau,
eben erst ihrer angeblichen Natur entsprechend an den heimischen Herd geschickt,
wurde bald in die Produktion und zum Militär gedrängt, nichts
ändert Rollen- und Moralklischees so schnell wie ein Krieg. Nach dem
Sieg wollten die Nazis zwecks Behebung des zu erwartenden Männermangels
alle erbgesunden, aber kinderlosen Frauen unter 35 verpflichten, sich von
auserwählten Männern befruchten zu lassen. |
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| Doch es kam anders.
Statt ihren Führern zu Willen sein zu dürfen, wurden mehr als
hunderttausend Frauen von den Siegern, vor allem von Rotarmisten, vergewaltigt.
Solche Massenvergewaltigungen sind nichts ungewöhnliches, sie gab,
gibt und wird es geben in jedem Krieg, weil Vergewaltigung nur eine individuelle
Form kollektiver Gewaltanwendung zwecks Bestrafung oder Aneignung ist.
Anm.
Für Sowjetsoldaten aber kam hinzu, dass jeder Missbrauch einer deutschen
Frau auch ein persönlichen Triumph über den für Millionen
Sowjetbürger tödlichen deutschen Rassenwahn war. Umgekehrt empfanden
deutsche Frauen die Vergewaltigung durch Männer, die ihnen jahrelang
nur als Untermenschen beschrieben worden waren, als doppelt schändlich.
Nur so ist zu verstehen, warum die Vergewaltigungen in der Erinnerung der
Deutschen jene ungeheure Bedeutung bekamen, die in keinem Verhältnis
steht zum tatsächlichen Geschehen. Denn wer den Sowjetsoldaten offen
und mutig entgegentrat, hatte wenig zu befürchten. Und etwaige Folgen
waren behebbar. Es gab fast keine Russenkinder aus Vergewaltigungen. Stillschweigend
und nur aus rassischen Gründen wurde in diesen Fällen sogar das
immer noch geltende Abtreibungsverbot außer Kraft gesetzt.
© 2001 Karl Pawek pawek@web.de |
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