| Im viktorianischen
Treibhaus der Prüderie behielten nur wenige einen kühlen Kopf.
Bereits 1813 hatte Shelly in „Queen Mab“ behauptet: "Die Keuschheit ist
ein evangelischer und mönchischer Aberglaube, sie ist ein noch ärgerer
Feind der natürlichen Enthaltsamkeit als die geistige Sinnlichkeit,
denn sie zerstört die Wurzeln aller häuslichen Freuden und hält
mehr als die Hälfte der menschlichen Rasse im Leid gefangen, das manche
gesetzlich monopolisieren können." |
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| „Als ich gestern
lag in meinem Bette,
Klopfte es so gegen Mitternacht. Meine Meinung war, es sei Jeannette, Und natürlich hab' ich aufgemacht. Leise kam es jetzt hereingeschlichen, Setzte sich an meines Bettes Rand, Hat mir über meinen Kopf gestrichen Mit der ziemlich großen, dicken Hand. Doch ich merkte bald an ihren Formen: Dieses Weib ist ja Jeannette nicht, Deren Hüften nicht von so enormem Umfang sind und solchem Schwergewicht. Trotzdem schwieg ich. Denn ich überlegte: Nicht das Wer, das Wie kommt in Betracht, Außerdem, die Absicht, die sie hegte, War entschieden löblich ausgedacht. Was bedeutet dieserhalb ein Name? In der Liebe ist das einerlei. Man verlangt nur, dass es eine Dame Und von angenehmem Fleische sei.“ |
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| Und Havelock Ellis
widersprach den vorwiegend deutschen Perversionsforschern vom Schlage Kraft-Ebings
und Weiningers: "Die meisten sexuellen Perversionen, auch die abstoßenden,
sind nichts als Übersteigerungen von Instinkten und Emotionen, die
allen normalen menschlichen Emotionen als Keim innewohnen." |
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| Über die Jahrtausendwende
hinaus dagegen reicht die Wirkung Freuds. So verwunderlich dies auch sein
mag, so ist es doch nicht überraschend. Denn Freud war vor allem ein
Ideologe der bürgerlichen Moral |
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| Freud nahm an, dass
jedes Kind eine enge erotische Beziehung zum gegengeschlechtlichen Elternteil
entwickelt und ein Rivalitätsgefühl gegenüber dem gleichgeschlechtlichen
Elternteil. Derartige kindliche Inzestwünsche hielt schon Hirschfeld
nicht für ein die Geschlechtstriebrichtung bestimmendes Moment. Jos
van Ussel verweist auf die Entstehung der Kleinfamilie als Voraussetzung
für die Entdeckung dieses Komplexes: "Es ist durchaus möglich,
dass diese Familienschrumpfung uns eine Erklärung dafür geben
kann, weshalb am Ende des 19. Jh., und zwar in bürgerlichen Milieus,
von Freud der Ödipuskomplex entdeckt wurde." |
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| Puritanisch war Freuds
Verdammnis der Masturbation: "Sie verdirbt den Charakter durch Verwöhnung
... indem sie bedeutsame Ziele mühelos, auf bequemen Wegen, anstatt
durch energische Kraftanstrengung erreichen lehrt." |
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| Freuds Frauenbild
war konventionell wie seine Zeit, wenn er als die drei herausragendsten
Kennzeichen der weiblichen Persönlichkeit Passivität, Masochismus
und Narzissmus erkennt Nein, Freuds Bedeutung liegt in der Wiederentdeckung alten Wissens über kindliche Sexualität und in dem Versuch, weibliche Sexualität männlichen Normen anzupassen. |
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| Mutig, weil einen
absehbaren Skandal provozierend, war Freuds Erklärung psychischer
Defekte Erwachsener durch sexuelle Kindheitserlebnisse, galten doch Kinder
im Bürgertum als asexuell, unschuldig. |
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| Dafür befreite
er es vom Trauma der klitoralen Sexualität der Frau. Leugnen ließ
sie sich zwar nicht, aber doch verleumden. Die Klitoris als natürlicher
Ort der Lust Anm. war ein doppeltes
Problem. Zum einen macht sie die Frau sexuell unabhängig, zum anderen
gefährdet sie die Bereitschaft zum reproduktiven, heterosexuellen
Geschlechtsverkehr. Freud erklärte daher die klitorale Sexualität
für infantil und verlangte von der erwachsenen Frau, ihre sexuelle
Erfüllung in der Vagina, einem recht unempfindlichen, dafür aber
zum Penis passenden Schlauch zu finden. Die Klitoris, eine Art Spankienholz,
dürfe nur dazu dienen, "das härtere Brennholz in Brand zu setzen". |
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| Durch Freud wurde
die passive, den Penis benötigende Vaginalerotik von einem religiösen
Gebot zur (pseudo-)wissenschaftlichen Norm. Millionen Frauen, die nie einen
vaginalen Orgasmus erreichen konnten, mussten sich unreif, frigide fühlen.
Noch in den 50er Jahren plapperten Aufklärungsbücher diesen Freudschen
Unsinn nach: "Bei körperlich und geistig vollkommen gesunden Frauen
(die heutzutage leider in der Minderheit sind) ist der hintere Teil der
Scheide am empfindlichsten ... Man kann deshalb sagen, dass der Sitz der
geschlechtlichen Befriedigung bei der Frau der hintere Teil der Scheide
ist." |
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| Fünf derart
verstörte Frauen lieferten sich in ihrer Verzweiflung sogar dem Messer
des Wiener Professors Halban aus. Auf Vorschlag der Freud-Schülerin
Marie Bonaparte verkürzte Professor Halban operativ den Abstand zwischen
Vagina und Klitoris, um den Frauen den gebotenen vaginalen Orgasmus zu
erleichtern. Die Sexualwissenschaft mit ihrer Normierung, ihren häufig nur ideologisch gesicherten Erkenntnissen, hat vielfach selbst erst die Probleme erschaffen, die zu heilen sie sich aufdrängt. Als bürgerliche Wissenschaft muss sie Einzelerscheinungen aus ihrem sozialen, politischen, religiösen Kontext lösen, weil sie andernfalls zur Systemkritik gezwungen ist. Und noch ist der Zeitpunkt nicht absehbar, zu dem Systemkritik karriereförderlich sein könnte. |
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| Immerhin haben wir
Dank der unermüdlichen Klassifizierer menschlichen Sexualverhaltens
z.B. den exhibitionistischen, koprophil-inzestuös-pädophilen
Fetischisten entdeckt (das ist ein Mann, der öffentlich in die schmutzigen
Windeln seiner kleinen Tochter masturbiert © 2001 Karl Pawek pawek@web.de |
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