Für den protestantischen
Bürger des 19. Jahrhunderts war der Körper eine Maschine, ein
Arbeitsinstrument, dessen Funktionieren über das wirtschaftliche Wohl
der Gesellschaft entschied. Sinnlichkeit, Spontaneität, Lust lenken
nur ab, galten daher als subversiv, als gefährlich
wie die freche, witzige, befreiend wirkende Lebensgeschichte der "Josefine
Mutzenbacher".
Was als Kampf gegen die Kindersexualität, gegen die Masturbation begonnen
hatte, wurde nun zum Kampf gegen jede nichtreproduktive Sexualität
, vor allem gegen den Koitus interruptus, dessen Folgen ähnlich schrecklich
dargestellt wurden wie vor kurzem noch die Folgen der "Selbstbefleckung".
Alle geschlechtlichen Körperfunktionen wurden tabuiert, aber je mehr
man verdrängte, desto mehr beherrschte das Verdrängte das Bewusstsein.
Plötzlich sah man überall die Verführung, denn: "Sexuelle
Repression führt zur sexuellen Obsession, zu einer restlosen Sexualisierung
der Realität."  |
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Hamlets Frage an
Ophelia: "Fräulein, soll ich in Eurem Schoße liegen?" wurde
gestrichen und durch eine Regieanweisung ersetzt, nach der sich Hamlet
stumm zu Ophelias Füßen niederlassen sollte.
Das Volkslied "In einem kühlen Grunde" wurde für Kinder umgetextet:
Nicht das "Liebchen" wohnt dort, sondern ein Onkel.
Ein wohlerzogener Mensch verlangte beim Essen nach hellem oder dunklem
Hühnerfleisch, um nicht Brust oder Bein sagen zu müssen
, und nie wäre er auf die Idee gekommen, einer Dame den Schenkel eines
Huhns anzubieten
, wo man doch (in den USA) sogar Klavierbeine mit einem bauschigen Höschen
versah.
Dafür blühte die Metaphorik von Liebe und Krieg: Mädchen
müssen die Waffen strecken oder kapitulieren, Männer ins Schwarze
treffen.  |
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Wer an Syphilis erkrankte,
hatte "mit der heiligen Veronika verkehrt"
, das Wort Penis wollte ein deutscher Pädagoge ersetzt wissen durch
die Umschreibung "Teil, durch den der Körper eine bestimmte Flüssigkeit
absondert" und gebären sollte fortan heißen "der Augenblick
der Menschwerdung".
Ein Mädchenkalender schlug 1884
vor: "Wenn du ein Bad nimmst, so streue etwas Sägemehl auf das Wasser,
damit dir der peinliche Anblick deiner Scham erspart bleibe."
Und Dr. Kisch verlangt noch 1907 von jungen Mädchen, "täglich
zu einer bestimmten Zeit, am besten des Morgens gleich nüchtern oder
nach dem Frühstück Stuhlentleerung zu haben, da durch die Obstipation
(dt. Verstopfung) leicht Reizzustände im Genital hervorgerufen werden".
Selbstverständlich warnt Dr. Kirsch auch vor dem Radfahren. |
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Öffentlich wurde
der Bürger geschlechtslos, privat aber zählte der französische
Nationaldichter Victor Hugo seine Orgasmen, das "große Vorbild schriftstellerischen
Vollendungswillens", Flaubert, addierte seine "Heldentaten" und der Revolutionshistoriker
Michelet zog jährlich eine Bilanz seiner geschlechtlichen Aktivitäten.
Am radikalsten war ein englischer Gentleman, der sich Walter nannte. Für
seine sexzentrische Autobiographie „Mein geheimes Leben“
führte Walter fast fünf Jahrzehnte lang Buch über seine
sexuellen Erlebnisse, beschrieb mit großem Ernst jeden Geschlechtsakt,
jedes Geschlechtsorgan. Dabei ging es Walter nicht um Literatur, nicht
einmal um Mitteilung. Die 3067 Seiten langen detailversessenen Darstellungen
der Verführung, des Arrangements und des Vollzugs sollten ihm vielmehr
die Wiederholung seiner Lusterlebnisse, seines Lustgewinns im Erinnern
ermöglichen. |
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Unwichtig dabei ist,
ob sich hinter dem Pseudonym Walter tatsächlich der englische Ölmagnat
und Erotica-Sammler Henry Spencer (1834 - 1900) verbirgt. Gut hundert Jahre,
nachdem „Mein geheimes Leben“ in einer Auflage von 25 Exemplaren zum ersten
Mal erschienen ist (Brüssel 1888 - 1892), spielen Namen, Indiskretionen
keine Rolle mehr. Aber die Aberwitzigkeit des Unterfangens spricht dafür,
dass Walter niemanden außer sich selbst vergnügen, seine sexuellen
Erfahrungen nur dokumentieren, festhalten wollte, zumal die meisten seiner
Kopulationen nach dem gleichen Schema ablaufen. Einige wenige verwegene
Turnübungen, sehr seltene homoerotische Erfahrungen und ein paar sodomitische
Versuche übersteigen kaum den Erfahrungshorizont eines sexuell durchschnittlich
aktiven Menschen. Der Text entbehrt jedes Spannungsbogens, ist nicht gestaltet,
sondern erlebt. Gewiss, einige Details irritieren; die Schnelligkeit, mit
der Prostituierte wie ehrbare Damen fast ausnahmslos zum oft mehrfachen
Orgasmus kommen, die Verbindung jedes Orgasmus eines Frau mit ihrer Ejakulation
einer „dünnen, milchigen Flüssigkeit“
, die hohe Zahl der Deflorationen. Dabei drängt sich gelegentlich
der Eindruck auf, Walter wollte Männerphantasien bedienen. Doch ein
so exakter Erforscher der menschlichen Sexualität wie Walter übertrieb
wohl nur aus Begeisterung. Seine Beschreibungen gewaltiger Spermamengen,
mit denen er seine Geliebten überschwemmte, reduzieren sich im Nachmessen
durch den Autor selbst auf die Füllung eines Teelöffels: „...
die Samenmengen, die in obszönen Büchern fließen, sind
ziemlich metaphorisch zu verstehen.“
Und könnte nicht tatsächlich im öffentlich so dezenten viktorianischen
Zeitalter, in dem sogar Hühnerschenkel sexuell besetzt waren, die
Verdrängung derart stimulierend gewirkt haben, dass Frauen häufiger
und schneller ihren Orgasmus erreichten als später, zumal Walter die
Funktion der Klitoris besser kannte und nutzte als mancher seiner Geschlechtsgenossen
heute? Der viktorianische Entjungferungswahn schließlich (in Verbindung
mit der damals üblichen Kinderprostitution) machte ein Hymen so wertvoll,
dass seine Zerstörung häufig weniger dem Zufall als dem Markt
überlassen wurde. Abgesehen vom weiblichen Dienstpersonal, das jungen
Herren und ihren Vätern fast kostenlos zur Verfügung stand, wurde
- auch von Walter - für eine Entjungferung meist der Jahresverdienst
eines Dienstmädchens oder mehr bezahlt. |
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| Man hat Walters wohl
weitestgehend authentischen Sexualbericht als unschätzbare Quelle
der Sozialgeschichte gerechtfertigt. Dies war natürlich nur eine Schutzbehauptung.
Wer auf über 3000 Seiten seine sexuellen Erlebnisse beschreibt, kommt
nicht um die gelegentliche Erwähnung sozialer Verhältnisse herum,
besonders solcher, die sein Sexualleben beeinflussen. Häufig beklagt
Walter z. B., dass Dienstmädchen so selten Ausgang haben, bestenfalls
einen halben Tag pro Woche stehen sie seiner Lust zur Verfügung. Doch
ein sozialhistorisch interessierter Leser findet leicht sehr viel ausführlichere
und dennoch knappere Quellen, sollte sein Interesse wirklich der arbeitenden
Klasse Englands im 19. Jahrhundert gelten. |
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Walters wirkliche
Bedeutung liegt woanders. Als Liebhaber weiblicher Geschlechtsorgane, die
er in all ihrer Vielfalt, Individualität fotografisch genau beschreibt,
als vom Sex besessener Mann, der sich für eine Frau erst interessiert,
wenn er sein Sperma in ihr abgelegt hat („Nichts ist so ärgerlich,
wie sich außerhalb einer langersehnten Möse zu ergießen,
wenn ein Stoß oder zwei das Sperma in ihr zurückgelassen hätten
- es treibt einem zum Wahnsinn.“
), als feilschender Freier („Ich hatte drei Frauen für fünf Shilling
besessen; so viel Glück hatte ich weder davor noch danach gehabt.“
) entwickelt er eine beeindruckende Radikalität. Indem er seine Darstellung
auf das einzige ihm wirkliche Wichtige, auf seine Sexualität reduziert,
reduziert er sich selbst auf sein Geschlechtsorgan. Walter ist der Mann,
der mit seinem Schwanz denkt, fühlt und handelt. Dies befähigt
ihn zu größter Brutalität. Irgendwann, erfährt der
Leser, ist er verheiratet mit einer Frau, die er verachtet, die ihn freilich
kaum an seinen sexuellen Abenteuern hindert und die - so plötzlich
wie sie aufgetaucht war - nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten stirbt:
„Der Tod hatte sein Werk getan. Hurrah! Endlich war ich frei!“
Gierig nimmt er die verführten oder gekauften Jungfrauen, ergötzt
sich zwei-, dreimal hintereinander an ihrem Schmerz. Skrupellos verspricht
er Sexualpartnerinnen, sich zwecks Vermeidung einer Schwangerschaft vor
seiner Ejakulation zurückzuziehen, um sich dann doch und ganz bewusst
in ihnen zu ergießen. War freilich eine Frau gut für sein Geschlecht,
kann Walter - aus Dankbarkeit - ein wunderbarer Liebhaber sein, aufmerksam,
hilfsbereit, charmant, großzügig. |

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Dieser peniszentrischen
Radikalität seines Handelns entspricht die Radikalität seines
Denkens. Walter versteht sich als Aufklärer. Die eingestreuten Abhandlungen
über Geschlechtsorgane, Geschlechtsverkehr und Sexualerziehung sind
nicht nur vor dem Hintergrund der viktorianischen Epoche verblüffend
ideologiefrei und - sieht man von damals noch unbekannten Fakten wie dem
Zeitpunktes der Befruchtung ab - auf erstaunlich hohem Wissensniveau. Walter
vergnügte sich nämlich nicht nur, sondern betrieb Feldforschung,
maß und zählte Bewegungsabläufe beim Geschlechtsverkehr,
beobachtete und wertete. Wirklich verblüffend aber sind die Schlüsse,
die Walter aus seinen Beobachtungen zog. Vor hundert Jahren und vielleicht
bald wieder ein Skandal seine Behauptung, Prostituierte seien nur, „was
die Gesellschaft aus ihnen macht“.
Oder seine radikale Erklärung weiblicher Schamhaftigkeit: „Ich kam
zu dem Schluss, bei den Frauen sei dies eine Folge der Erziehung, mit dem
Hintergedanken, für den Anblick ihrer geheimen Körperteile den
höchstmöglichen Preis zu erzielen....Frauen werden allesamt käuflich
erworben - von der Hure bis zur Prinzessin. Nur der Preis ist verschieden.“
Und wer außer Walter ahnte nicht nur vor über hundert Jahren,
sondern sprach es auch aus: „Schwanz bedeutet Macht“?  |

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Die Fixierung auf
Sexualität und die Exaktheit seiner Beobachtungen ermöglichten
es Walter, die moralische, also ideologische Grenze seines Klassendünkels
ebenso wie seines Klassendenkens zu überschreiten. Walter erkannte
im Beischlaf (zwecks Zeugung) den eigentlichen Sinn des Lebens: „Wir sind
erfickt worden - geboren, um unsererseits wieder zu ficken - um andere
zum Ficken in die Welt zu setzen ... wie im Anfang, so auch jetzt und in
alle Ewigkeit - das Ficken.“
Walter lebte und beschrieb mit tödlichem Ernst sein Leben als Fallstudie
eines Mannes, der den Trieb, den Mut und die Mittel besaß, ganz und
gar nur Schwanz zu sein. Aber auch für ihn galt, dass seine geschlechtlichen
Eskapaden wie ihre Beschreibung auf den engsten, abgeschlossenen Bereich
des Privaten (Geheimen) beschränkt bleiben mussten, auf die Intimsphäre.
Und noch heute gilt: intim ist, was im 19. Jahrhundert in die Intimität
gedrängt wurde. Was im Schlafzimmer, im Bordell geschah, ging die
Mitbürger nichts an, solange in der Öffentlichkeit der Anstand
gewahrt wurde. Jeder öffentliche Regelverstoß aber wurde - außer
beim Hochadel - gnadenlos gebrandmarkt. Sogar die geschlechtlich gar nicht
so aktive Landbevölkerung
übernahm die sexuelle Intoleranz des Bürgertums. Das Charivari
oder Haberfeldtreiben, also das gnadenlose Verspotten geschlechtlichen
Fehlverhaltens, erreichte im 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Die
Hauptvorwürfe waren Unmoral, Ehebruch, verbotene Liebesbeziehungen,
zunehmend häufiger nun auch Homosexualität, Inzest, Polygamie
und - ab 1870 - auch Sodomie. Nachts wurden zwischen den Haustüren
eines schändlichen Liebespaares Efeu, Federn, Sägemehl oder käferzerfressene
Bohnen ausgestreut.  |
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Andererseits bewirkte
der Puritanismus soziale Verbesserungen. So wurde die Unter-Tage-Arbeit
von Frauen unter 18 Jahren in englischen Bergwerken verboten, wenn auch
nicht aus gesundheitlichen, so wenigstens aus sittlichen Gründen.
Und die oft unmenschlichen Wohnverhältnisse von Arbeitern fanden endlich
behördliche Aufmerksamkeit. Die Ziegelarbeiter in Düsseldorf
hatten um 1885 oft nur ein Bund Stroh als Schlafstelle. Die Hütten
waren notdürftig gegen Wind und Wetter geschützt, bestanden häufig
nur aus einem Raum, in dem die ganze Familie schlafen musste. Eine Denkschrift
der Verwaltung stellte fest: Da "die Ziegelarbeiter nur die kurzen Sommernächte
in den Ziegelhütten zubringen, den Tag aber im Freien arbeiten und
gegen Wind und Wetter abgehärtet sind, so haben sich aus der mangelhaften
Beschaffenheit der Ziegelhütten bisher keine erheblichen Gesundheitsschädigungen
ergeben. Bedenklicher sind diese Wohnungsverhältnisse vom Sittlichkeitsstandpunkt,
da keine genügende Trennung der Schlafräume nach Geschlechtern
stattfindet."  |

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Ein Ventil des durch
Repression erzeugten sexuellen Überdrucks war der Tanz, dessen sexuelle
Komponente schon die Tanzepidemien des Mittelalters bestimmt hatte.
Während unter der erotischen Freizügigkeit des 18. Jahrhunderts
Tanzende sich nur an den Händen berührten und erst der Schnelltanz
flüchtige Körperkontakte erlaubte, entstand 1819 mit Webers "Aufforderung
zum Tanz", dem ersten Walzer, der erotischste Tanz seit dem Sieg des Christentums.
Anm.
©
2001 Karl Pawek pawek@web.de |

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