| Die Überhöhung
der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft ist nur die Kehrseite ihrer
Verachtung. Würde man die Werke bedeutender Schriftsteller, Philosophen
und Wissenschaftler an ihren Erkenntnissen über die Frau messen, könnten
wir den größten Teil unseres Kulturgutes auf den Müll werfen.
Die Ausnahmen sind wie immer selten: Ein modernes Verständnis von
Sexualität, ohne dass dieser Begriff schon gebräuchlich gewesen
wäre Anm., findet sich erstmalig
bei Wilhelm von Humboldt. Unter dem Begriff "Zeugungstrieb" notierte er
1827 in einem fragmentarischen Entwurf: "Umgang beider Geschlechter miteinander.
Umgang jedes Geschlechts mit sich. Umgang mit Thieren. Umgang mit sich." Georg Ludwig Kobelt veröffentlichte 1844 die bis dahin detaillierteste Beschreibung der Klitoris und wies auf die geringe Bedeutung der Vagina für das Lustempfinden der Frau hin. Von Felix Roubaud stammt eine fast exakte Beschreibung des Koitus aus dem Jahre 1855 Anm. - vergessene Arbeiten, in denen die genaue naturwissenschaftliche Beobachtung menschlicher Verhaltensweisen und Eigenschaften noch dominierte. Doch allmählich löste der Begriff "Sexualität" das geschlechtliche Verhalten des Menschen von seinem Sein, machte es zu einem eigenständigen Phänomen. |
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| Ein romantisch veranlagter junger Mann lernt in einer Bar ein reizendes rothaariges Mädchen kennen. Ihre kultivierte Art und ihre Bildung machen großen Eindruck auf ihn, und er ist betroffen, als er schließlich erfährt, dass sie auf den Strich geht. Er weigert sich, mit ihr zu schlafen, mit der Begründung, dass das ja alle ihre Kunden machen, gibt ihr jedoch die 50 Mark, die sie verlangt, unter der Bedingung, dass sie in ihr Zimmer zurückkehrt und den Abend allein mit einem guten Buch verbringt. Sie findet sein sichtliches Interesse an ihrer Person sehr rührend und fragt ihn, ob ihm statt dessen ein "Ärmelakt" recht wäre, den sie ihren Kunden sonst nie offeriert. Er willigt ein, aber unterwegs verlässt ihn der Mut. Er schenkt ihr alles Geld, das er bei sich hat, und bittet sie, dieses schreckliche Leben aufzugeben und sich einen anständigen Beruf zu suchen. Nachher begegnet er ihr mehrmals rein zufällig in verschiedenen Lokalen, weigert sich aber stets, sie auf ihr Zimmer zu begleiten, und erklärt sich schließlich sogar bereit, sie zu heiraten, um sie zu bessern. Aus Dankbarkeit verspricht sie ihm für die Hochzeitsnacht den "Ärmelakt". Er macht sie mit seinen Angehörigen bekannt, kauft ihr eine Aussteuer und ein italienisches Sportauto, und sie werden getraut. In der Hochzeitsnacht erinnert er sie an ihr Versprechen, das sie völlig vergessen hatte. Sie versucht, es ihm auszureden und schlägt ihm vor, statt dessen den Beischlaf auszuüben, zeigt ihm ihre Brüste und öffnet ihr Negligé auf der Rückseite, um ihn mit anderen "Spezialitäten" zu reizen. Er aber besteht auf den versprochenen "Ärmelakt". "Na schön", sagt sie. "Geh ins Badezimmer, seife Dich von oben bis unten ein und komm dann wieder." Er seift sich ein, verlässt in aller Hast das Badezimmer, rutscht auf einem Stück Seife aus, fällt hin, bleibt tot liegen und hat also nie erfahren, was ein "Ärmelakt" ist. | |
| Durch die Katalogisierung
sexueller Ungewöhnlichkeiten, spottet Gunter Schmidt, "wurde das gefährliche
Chaos der ungewöhnlichen Sexualität wenigstens übersichtlich;
außerdem kann man das, was gefährlich ist, besser verfolgen,
wenn es benannt ist. Beim Namen genannt, ist schon so gut wie erwischt." Was früher Sünde war, wurde zur Krankheit, an die Stelle des Inquisitors trat der Arzt. Die christliche Verzichtsmoral lebt - gar gefestigt - weiter im ärztlichen Rat zur Mäßigung, in der Verdammnis aller angeblich ungesunden Genüsse. Analog zur Individualisierung, mit der jeder sich selbst immer wichtiger wurde, übernahm der Arzt als Betreuer des Leibes die Funktion des Priesters. Als „Götter in Weiß“ verkörpern sie den modernen, säkularisierten Klerus. Gewiss, die Strafen für abweichendes Verhalten waren jetzt weniger hart, freilich auf Kosten einer teilweisen oder vollständigen Entmündigung des Menschen zum Patienten. |
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| Vor allem Frauen
bekamen dies zu spüren. 1827 hatte Karl Ernst von Baer die weibliche
Eizelle untersucht und damit das Geheimnis der Zeugung ein wenig weiter
entschlüsselt. Schnell wurde das Produktionsorgan des Eis zum Synonym
für Frau: "Nur wegen des Eierstocks ist die Frau, was sie ist", verkündete
eine medizinische Kapazität |
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| Die erschreckende
Dummheit ärztlicher Ratschläge, die absurden Fehldiagnosen im
Zusammenhang mit weiblicher Sexualität sind nur aus dem üblichen
ärztlichen Missbrauch medizinischer Ahnung zur Bestätigung ideologischer
Vorurteile erklärbar. So behaupteten Ärzte des 19. Jahrhunderts,
unterschiedliche Zellen bei Mann und Frau würden das männliche
Geschlecht aktiv, das weibliche passiv machen. |
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| Professor Fouchet
narrte die Frauen, indem er erklärte, eine Befruchtung sei vom 12.
Tag nach dem Ende der Menstruation bis einige Tage nach der folgenden Menstruation
unmöglich "Manches junge Leben wird in der Brandung der Pubertät beschädigt und für alle Zeiten ruiniert; wenn es dieser unverletzt entkommt und nicht an der Klippe des Gebärens scheitert, kann es immer noch in den ständig wiederkehrenden Untiefen der Menstruation auf Grund laufen und am Ende an dem letzten Riff der Menopause zerschellen, bevor es im ruhigen Gewässer des Hafens Schutz findet, wo die sexuellen Stimmen es nicht mehr erreichen können." Manche Sexualwissenschaftler waren schlicht verwirrt wie Otto Weininger Anm.: Die Frau sei die verkörperte Geschlechtlichkeit des Mannes, seine fleischgewordene Schuld. Und dann fügt der Jude Otto Weininger voller Selbsthass noch hinzu: "Die Juden verhalten sich wie Frauen, sie können ihre Leidenschaften nicht bezähmen." © 2001 Karl Pawek pawek@web.de |
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