| Eindrucksvoller als
die Medizin entwickelte sich die Philosophie im 18. Jh. Eine neue Nüchternheit
breitete sich aus - zumindest in Frankreich. Diderot, Autor der ebenso
amüsanten wie geistreichen "Geschwätzigen Kleinode", schrieb
über die Schamhaftigkeit des Menschen: "Dem Liebesgenuss folgt eine
Ermattung, die ihn der Willkür seines Feindes ausliefern könnte.
Das ist alles, was an Schamhaftigkeit vielleicht natürlich ist, der
Rest ist künstlich." |
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| Während im deutschen
Bürgertum die Sentimentalität Triumphe feierte und "mehr Tinte
als Sperma verspritzt" wurde Am konsequentesten war der Marquis de Sade. Sade, 1740 geboren, war besessen - auch vom Sex. Sein brutaler Umgang mit Prostituierten und eine Vorliebe für Analverkehr brachten ihn mehrmals vor Gericht, 1772 wurde er - allerdings in Abwesenheit - zum Tode verurteilt. Während seine Schwiegermutter die Urteilsvollstreckung betrieb, gelang es seiner Frau 1778, das Verfahren neu aufzurollen. Die Strafe wurde auf eine Geldbuße reduziert, doch seine Schwiegermutter sorgte dafür, dass Sade erneut eingekerkert wurde. Vergeblich bemühte sich ihre Tochter um seine Befreiung, erst 1790 wurde Sade von der Nationalversammlung auf freien Fuß gesetzt. Als Schriftsteller und Revolutionär besaß er genügend Einfluss, ein Verfahren gegen seine Schwiegereltern, denen er seine 13jährige Einkerkerung zum großen Teil verdankte, so lange zu verzögern, bis diese Reaktionäre ins Ausland fliehen konnten. Dafür wurde Sade wegen „Mäßigungsbestrebungen“ erneut für 10 Monate ins Gefängnis geworfen. Eine Satire gegen Napoleon und Joséphine erzürnte den Diktator Frankreichs so sehr, dass er Sade für wahnsinnig erklären ließ. Bis zu seinem Tod 1814 lebte und arbeitet Sade im Asyl zu Charenton. Als Atheist wollte er kein christliches Begräbnis, trotzdem setzten die Behörden ein Kreuz auf sein Grab. |
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| Sades Romane sind
eine Deklaration der Rechte des männlichen Erotizismus, in der die
Forderung nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ihres hübschen
Mäntelchens beraubt auf die Spitze getrieben wird: "Geteilte Lust
ist halbe Lust." Doch war sich Sade der Zusammenhänge zwischen sexueller und ideologisch-ökonomischer Unterdrückung bewusst |
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| Zwei
arme Bürschchen und zwei reiche baden nackt im selben Bassin. "Hast
du bemerkt, was für kleine Schnippel die reichen Jungen haben?" fragt
der eine arme Junge den anderen. "Sie haben Spielsachen", erklärt
der andere.
Doch wirklich pervers waren nicht Diderot,
Laclos oder Sade, deren Werke immer wieder und bis heute zensiert und beschlagnahmt
wurden, sondern die zumeist protestantischen Aufklärer in ihrem vehementen
Kampf gegen die Kinder- und Jugendsexualität, vor allem gegen die
Selbstbefriedigung. Die Masturbationshysterie begann 1710 in England Anm.
und fand im Werk des Französischen Arztes Tissot ("De l`onanisme")
ihre Bibel. Anm.
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| Schnell steigerten
Ärzte als die neuen Wächter der bürgerlichen Moral die Gefährdung
zur lebensbedrohlichen Gefahr. Hatte Tissot noch - blödsinnig genug
- behauptet, der Verlust einer Unze Samenflüssigkeit sei schlimmer
als der Verlust von 40 Unzen Blut, so verkündeten seine Abschreiber
nun, ein Samenerguss sei gleichzusetzen mit dem Verlust von 40 Unzen Blut. Ein Junge erhält von seinem Vater 20 Mark, um in die Stadt zu gehen und sich ein Weib zu kaufen. Unterwegs begegnet er seiner Großmutter, die sich bereit erklärt, es für den halben Preis zu machen. "Schon zurück?" fragt der Vater. Der Sohn erklärt ihm, was passiert ist. "Wie!" schreit der Vater, "Du hast meine Mutter gevögelt?" "Warum nicht? Hast Du nicht meine gevögelt?" |
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| In Deutschland war
S. G. Vogel einer der schrecklichen Aufklärer, die alle nur denkbaren
Krankheiten auf die Masturbation zurückführten. Doch nicht nur die Selbstbefriedigung wurde als ungesund dargestellt, rigoros bekämpften Ärzte und Pädagogen alles, was auch nur im Entferntesten an Sexualität denken ließ, z.B. das Nacktschlafen. Noch im 16. Jh. musste, wer bekleidet zu Bett ging, entweder krank oder körperlich entstellt gewesen sein, nun galt plötzlich das unbekleidete Schlafen als gefährlich, weil es "eine Stockung der Säfte und Flüssigkeiten" verursache. |
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| Parallel zur Anti-Masturbations-Kampagne,
in der Ärzte und Pädagogen, kaum Geistliche den Ton angaben Vor allem Rousseau, der sein Leben lang erotische Bücher nur mit einer Hand las |
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| Der deutsche Pädagoge
Bauer wollte Ekel vor allem Geschlechtlichen erzeugen: "Zum Teil, weil
die Geschlechtsteile von der Natur als Werkzeuge zum Ausstoßen überflüssiger
und ekelerregender Absonderungen zumal beim weiblichen Geschlecht eingerichtet
sind, zum anderen, weil der Beischlaf selber eine ekelhafte Verunreinigung
zur Folge hat." Auch schlug er vor, Heranwachsenden Leichen zu zeigen, um die Wollust zu vertreiben und riet Eltern, ihren Kindern zu erzählen, wenn sie zu lange nackt herumlaufen, würde ihnen ein Tier ihre Geschlechtsteile abbeißen. Denn: "Die Schamhaftigkeit der Kinder muss aus dem Ekel vor den Körperteilen bestehen, die sie als Werkzeuge schmutziger Exkremente kennen." |
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| Mit der Schamhaftigkeit
wuchs die Intoleranz. Pariser Gerichte ließen sämtliche Schoßhunde
konfiszieren und verbrennen. |
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| Ein
Sudanese fährt im Bus nach Hause, seinen Lohn in der Tasche in der
Form einer Rolle Münzen. Je dichter sich die Menschen im Bus drängen,
desto mehr wird er gegen eine Frau gedrängt, die den Druck der Rolle
Münzen gegen ihren Schenkel missversteht, dem Mann ins Gesicht schlägt
und ihn laut seines Fehlverhaltens bezichtigt. Er zieht die Rolle Münzen
aus seiner Hosentasche und erklärt: Dies sei es, was sie gefühlt
habe. Die Frau entschuldigt sich bei ihm. In der folgenden Woche fährt
der Mann wieder im Bus nach Hause, und wieder kommt er neben dieselbe Frau
zu stehen. Diesmal entscheidet er sich, sich schlecht zu benehmen. Die
Frau dreht sich lächelnd zu ihm um und sagt: „Gratuliere zu Ihrer
Beförderung!“
Da Sexualität eine für die
meisten brotlose Kunst ist, die nichts einbringt, sich nicht rentiert,
ist für sie im Kanon der bürgerlichen Tugenden - Genügsamkeit,
Sparsamkeit, Pflichtbewusstsein, Sittsamkeit - kein Platz. Im Gegenteil,
dem kapitalistischen Bürgertum erschien sie in den meisten Fällen
eine Vergeudung. Bis zum Ende des 19. Jh. lautete die gebräuchliche
Vokabel der englischen Umgangssprache für Orgasmus „to spend“ = ausgeben. |
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| Also wird das Bett,
lange Zeit ein zentraler Ort gesellschaftlichen Lebens, ins Verborgene
gerückt, unter Alkoven oder in abgesonderten Schlafzimmern versteckt Die Empfindsamkeit wächst bis zur Geruchsintoleranz gegenüber anderen |
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| Wovon katholische
Fundamentalisten jahrhundertelang vergeblich träumten - hinter jeder
Lust den Teufel erkennbar zu machen -, gelingt Ärzten und Pädagogen
durch die Perversion der Aufklärung.
Doch die bürgerliche Moral gibt es nur im Doppelpack, als verlogene Vorzeigemoral und als praktizierte Geilheit. Maler und Lithographen wussten auch daraus ein Geschäft zu machen. Mit dem Verbot, Geschlechtsorgane abzubilden, entwickelten sie die Bedeckungstechnik. Vom Bild mit dem nackten Geschlecht wurden 30 - 100 Drucke für Wohlhabende hergestellt und 3 - 5mal so teuer verkauft. Danach wurde das Geschlecht mit einem Gegenstand überzeichnet für den gewöhnlichen Handel. |
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| Auch die Prostitution,
öffentlich bekämpft, wurde nur raffinierter und einträglicher.
Um 1780 soll es in Wien 10 000, in Paris 30 - 40 000 und in London 50 000
Huren gegeben haben |
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| In den 60er Jahren
des 19. Jahrhunderts legalisierte das britische Parlament die Prostitution
und setzte die Altersgrenze für Prostituierte auf 12 Jahre fest |
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| "1) Ein gefärbter
Ring um die Augen war nach der Meinung der Alten ein Zeichen der verlorenen
Keuschheit.
2) Die Härte des Knorpels an der Nase galt für ein Zeichen bewahrter Jungfrauschaft; ließ er sich aber durch einen Druck beim Anfühlen teilen, so war sie nicht mehr in guten Umständen. 3) Eine klar und hell tönende Stimme bezeichnete eine keusche, eine grobere hingegen eine unkeusche Jungfrau. 4) Andere haben den Zustand der Jungfrauschaft nach der Dicke des Halses beurteilen wollen und geglaubt, dass ein Mädchen alsdann noch Jungfrau sei, wenn ein Faden, den man von dem äußersten Ende der Nase bis zu dem Ende der Pfeilnath auf der Seite, wo sie sich mit der Winkelnath vereinigt, misst, um ihren Hals herumreicht. 5) Die Farbe der Warzen am Busen. Diese sollte, nach der Meinung der Alten, frisch und rosenrot sein, durch den Beischlaf aber eine andere Farbe bekommen." |
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| Als Aufstand des
Bürgertums hat die französische Revolution an den Sexualverhältnissen
nichts geändert, schließlich waren die Jakobiner nicht weniger
puritanisch und antifeministisch als norddeutsche Protestanten. © 2001 Karl Pawek pawek@web.de |
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