Verzweifelt bemühen
sich Patriarchen seit der Renaissance, jede Andeutung weiblicher Gleichwertigkeit
zu bekämpfen. Der schottische Religionsreformer John Knox veröffentlichte
eine Kampfschrift mit dem Titel "Erster Trompetenstoß gegen das monströse
Weiberregiment": "Die Frau ist in ihrer vollkommensten Art dazu geschaffen,
dem Manne zu dienen und gehorsam zu sein, nicht, ihn zu beherrschen oder
zu befehligen."
Rabelais betonte das Tierische an der weiblichen Sexualität: "Die
Natur hat ihr an einem versteckten Ort inwendig ein Tier in den Körper
gesetzt, ein Glied, dergleichen ein Mann nicht hat."
Und ein spanischer Katechismus warnte alle Frauenliebhaber: "Bedenke, dass
die schönste Frau aus einem übelriechenden Samentropfen entstanden
ist, dann bedenke ihre Mitte, wie sie ein Behälter von Unflat ist,
danach bedenke ihr Ende, wenn sie ein Fraß der Würmer sein wird."
Einen Gipfel der Hinterfotzigkeit wird Ende des 17. Jahrhunderts Baptist
Verduc erklimmen, wenn er fragt, was denn die Affen verbrochen hätten,
dass auch sie von dem fürchterlichen Schicksal der Menstruation betroffen
seien. Text |
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Doch weder Wissenschaftler
noch Eiferer änderten nachhaltig das Sexualverhalten der Menschen,
sondern eine Krankheit und Emporkömmlinge. 1494 brach in Neapel eine
bis dahin unbekannte Krankheit aus, die sich schnell über ganz Europa
verbreitete
und innerhalb weniger Jahre ein Drittel der Bevölkerung dahinraffte:
die Syphilis.
Ob die in einem Aufruf Kaiser Maximilians als "pöse plattern", von
anderen als "französische Krankheit" bezeichnete Seuche, die erstmals
bei französischen Soldaten vor Neapel festgestellt wurde, tatsächlich
von Kolumbus Seeleuten aus Amerika eingeschleppt wurde, ist nicht erwiesen.
Zumindest hätten diese 50 Seeleute sehr emsig sein müssen. Es
ist durchaus möglich, dass es sich bei dieser Krankheit um eine Mutation
eines vorher harmlosen europäischen Organismus handelte oder im alsbald
ausbrechenden Syphiliswahn damit ein Krankheitsbild bezeichnet wurde, das
vorher als Lepra beschrieben worden war.
Jedenfalls veränderte die Syphilis das Sexualverhalten der Menschen,
zumal Lustseuchen damals eher als moralisches denn medizinisches Problem,
als gerechte Strafe für sexuelle Zügellosigkeit galten.
Zwar hatte der am Hofe Karl II. in England lebende Arzt Kondon gerade eine
Penisschutzhülle aus Tiereingeweiden wiedererfunden
, die vor der Übertragung von Geschlechtskrankheiten schützen
konnte, aber sie war viel zu teuer für eine Massenproduktion. Anm.
Als erste spürten die Badehausbetreiber
die Folgen der Lustgefahr. Das gemeinsame Nacktbad (mit anschließendem
Geschlechtsverkehr?) galt plötzlich als unsittlich
, immer mehr Badehäuser wurden geschlossen. Doch der Wandel griff
tiefer: Der Mensch entdeckte die Scham. |

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Während sich
im Mittelalter höchstens der gesellschaftlich Niedrigstehende vor
dem Höherstehenden schämte, nie umgekehrt
, wird nun die Schamempfindung allgemein. Die Nacktheit, eben noch selbstverständlich,
scheint plötzlich sexuell besetzt und wird als unanständig betrachtet.
Zuerst wurden die Geschlechtsorgane verborgen. Während am Anfang des
17. Jh. in Venedig oder Padua Ehefrauen, Witwen und Mädchen an heißen
Tagen noch mit nackten Brüsten auf die Straße gingen, gilt dies
am Ende des Jahrhunderts als unanständig. Im 18. Jh. werden auch die
männlichen Brüste tabu.
Gleichzeitig wird der Oberschicht das Essen aus einer gemeinsamen Schüssel
peinlich, die Speisen fasst man nicht mehr mit den Fingern an, sondern
benutzt Messer und Gabel, und zum Schlafen braucht man, wenn auch noch
nicht in Dänemark, ein Nachthemd.
Die bürgerliche Moral entsteht und damit die Prüderie. |
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Noch kann Luther
Jungfräulichkeit für nicht wünschenswert, Enthaltsamkeit
für unnormal und den Geschlechtsakt für genauso notwendig halten
wie Essen und Trinken
, er muss nur ohne Lust und Leidenschaft erfolgen
und darf keinesfalls ehebrecherisch sein. Anm.
Noch muss der Körper durch Geschlechtsverkehr, Spucken, Rülpsen
und Furzen regelmäßig von überflüssigen Dämpfen
und Säften gereinigt werden
, aber die Sexualgesetze werden bereits verschärft. Nach der peinlichen
Gerichtsordnung Kaiser Karls V. werden homosexuelle Handlungen, Zoophilie
Anm.
und jeder Analverkehr wieder als Verbrechen gegen die Natur angeprangert
und mit dem Tode bestraft, Masturbation und sexuelle Handlungen mit Figuren
aus Holz und Stein mit Landesverweis oder schwerem Kerker.
In Kriegszeiten freilich sah man die Dinge lockerer. Nachdem 1562 bei der
Belagerung von Lyon viele italienische Soldaten dessertiert waren, weil
zwar genügend Nahrung, aber keine Ziegen zur Verfügung standen,
zog Herzog Lodovico Gonzaga 1565 mit 3000 Soldaten und 2000 Ziegen in den
nächsten Krieg.  |

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Nun erst beginnen
die Kirchen ihren Kampf gegen den noch üblichen vorehelichen Geschlechtsverkehr
in der Absicht, die im Bewusstsein der Menschen immer noch wichtigere private
Verlobung durch die kirchliche Heirat zu ersetzen und damit die Sexualität
auf die Ehe zu beschränken. Anm.
Auch die kindliche Sexualität
erregt nun Argwohn. Der überraschend moderne Protestant Calviac belehrt
junge Eltern: "Es ist höchst schicklich für ein kleines Kind,
wenn es seine Schamteile nur mit dem Gefühl der Schande und des Widerwillens
berührt, selbst wenn die Not es dazu treibt und es allein ist."
Hier wird bereits die neue bürgerliche
Moral gesetzt gegen die Frivolität des Adels, wie sie noch im Tagebuch
des Leibarztes Ludwigs XIII. deutlich wird, wenn er die Kindheit des Kronprinzen
erzählt: "Er lacht aus vollem Halse, als die Kinderfrau mit den Fingerspitzen
seinen Piephahn hin und her bewegt." Vor "einem kleinen Fräulein ...
hat er seinen Rock hochgehoben, und ihr mit einem solchen Eifer seinen
Piephahn gezeigt, dass er darüber außer sich geriet. Er legte
sich auf den Rücken, um ihn ihr zu zeigen." |
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Gerade ein Jahr alt
geworden wird Ludwig XIII. mit der Infantin von Spanien verlobt. "Entblößt
sich ebenso wie Madame (seine Schwester); sie werden nackt zum König
ins Bett gelegt, wo sie sich küssen, miteinander flüstern und
dem König großes Vergnügen bereiten. Der König fragt
ihn: `Mein Sohn, wo ist das Paket für die Infantin?` Er zeigt es vor
und sagt: `Es hat keinen Knochen, Papa.` Da es ein wenig steif ist, sagt
er dann: `Jetzt hat es gerade einen, das ist manchmal so.`"
Mit vier Jahren weiß Ludwig XIII.
schon sehr gut, wie Kinder gemacht werden, wenn er jedoch als Siebenjähriger
danach gefragt wird, antwortet er, sie kämen aus dem Ohr.
Nun weiß er also auch, was sich gehört.
Im Bürgertum schaffen sich die
Menschen Distanz, zuerst, wie wir sahen, zu Speisen durch Bestecke, zu
Gerüchen, schließlich zum eigenen Körper und zum Körper
des anderen. "Der Körper wurde von einem Lustorgan zu einem Leistungsorgan
umgeformt. So entwickelte das Bürgertum eine Leistungsmoral, die das
lustvolle Erleben von Sexus und Eros unmöglich macht."
Moralisierende Traktate kommen in Mode, Edward Cook veröffentlicht
1678 "Eine gerechte und vernünftige Anklage gegen die nackten Brüste
und Schultern", ein protestantischer Pastor predigt 1686 "Dass die bloße
Brüste seyn ein groß Gerüste viel böser Lüste",
und Molieres Tartuffe hilft es nichts, dass er entsetzt ausruft: "Bedecken
Sie den Busen, den ich nicht darf sehn!", das Stück wird trotzdem
verboten.  |
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Und die Ehe, im 16.
Jahrhundert noch Lebensraum für eheliche und uneheliche Kinder, die
auch in ehrbaren Familien zusammen aufgezogen wurden, für Liebschaften
und Untreue
, ähnelt vor allem im protestantischen Deutschland immer mehr einer
für Frauen lebensgefährlichen Institution zum Gebären legitimer
Erben.
Immerhin 1,3% aller Geburten vor 1800 endeten mit dem Tod der Mutter.
Bräute, die ihre Jungfernschaft nicht - notfalls durch eine Untersuchung
- nachweisen können, werden öffentlich bloßgestellt. In
Memmingen z.B. durften solche Frauen nur mittwochs heiraten,in Spanien
wurde nach der Hochzeitsnacht das blutbefleckte Laken öffentlich als
Beweis der Jungfräulichkeit der Braut gezeigt.
Das Bürgertum setzte wie alle
aufstrebenden Klassen auf Moral, weil eine scheinbar höhere Sittlichkeit
das ebenso deutliche wie wohlfeile Unterscheidungsmerkmal gegenüber
der noch herrschenden Klasse ist. Dies erklärt den schnellen Siegeszug
dieser Moral und ihre Gnadenlosigkeit: Unter Puritanern in den USA wurden
Eltern, deren Kind zu bald nach der Hochzeit geboren wurde, öffentlich
am Pranger oder Bock bestraft
, und in Genf verwirklichte Calvin Luthers Forderung, Ehebruch mit dem
Tode zu sühnen.  |

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Aber noch war der
Sieg nicht total, noch hielt sich der Adel an der Macht und vergnügte
sich an der Sinnlichkeit blind für alle Veränderungen. Talleyrand
wird rückblickend feststellen: "Wer die Zeit vor 1789 nicht gekannt
hat, hat überhaupt nicht gelebt."
Im Absolutismus entwickelte die Sexualität ihr bisher höchstes
Raffinement. Nicht so sehr Potentaten wie August der Starke, der 700 Frauen
gehabt und 345 Kinder gezeugt haben soll
, oder Ludwig XV., über dessen Hochzeitsnacht der Premierminister
öffentlich berichtete, "Der König ist zu der Königin schlafen
gegangen und hat ihr während der Nacht sieben Beweise von Zärtlichkeit
gegeben"
, spiegeln die Verhältnisse wider, eher schon Moritz von Sachsen,
der die Zeitehe mit Verlängerungsklausel empfiehlt, denn die Ehe auf
Lebenszeit sei ein Selbstbetrug, ein Zwang gegen die Natur.
Die außereheliche Liebe als Vergnügen, als Leckerbissen des
Sinnengenusses war das adelige Ideal im Absolutismus. Man liebte ungeniert
und früh
, die zahlreichen Memoiren nennen 10, 11 oder 12 Jahre als das Alter, in
dem der erste Geschlechtsverkehr stattfand. Kinder waren unerwünscht,
weil lästig
, empfängnisverhütende Praktiken breiteten sich aus.
Die Ärmeren praktizierten den Koitus interruptus - in Frankreich die
wichtigste Methode der Empfängnisverhütung und früher nur
in außerehelichen Verhältnissen üblich Text
, in England und den USA gab es die Pille für danach, Hooper`s Frauen-Pillen,
deren Hauptwirkstoff, ein Aloevera-Extrakt, als Abführmittel gepriesen
auch Schwangerschaften abführt. Anm.
Wurde aber ein Kind geboren, trachteten bessergestellte Frauen danach,
ihre Brüste nicht durch Stillen zu gefährden. Bereits im Ehekontrakt
verpflichtete sich der Gatte, für eine Amme zu sorgen, die Frauen
nahmen nach der Geburt ein Pulver, das innerhalb von 48 Stunden den Milchfluss
versiegen ließ
, war doch die (relative) Makellosigkeit der Brust fast der kostbarste
Besitz einer Frau. |

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| Eine
Frau hat sich die Gesichter ihrer beiden ersten Liebhaber auf die Brüste
tätowieren lassen. In der Hochzeitsnacht nimmt der Mann es von der
heiteren Seite und sagt lachend: "Was werden sie doch in zehn Jahren für
lange Gesichter machen!"
Während sich Männer noch öffentlich
eine Mätresse halten konnten
, gab es für ihre Ehefrauen weiterentwickelte Frauentröster aus
Elfenbein, ca. 22 cm lang, 16 cm Umfang, außen angeraut oder mit
Höcker versehen, innen hohl, so dass sie mit warmen Wasser oder Milch
zum Spritzen gefüllt werden konnten. |
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Erlaubt war, was
Vergnügen bereitete, sei es das schon in der Antike sehr beliebte
Epilieren der Schamhaare oder die Ehe zu dritt, wie sie Lord Hamilton,
dessen Ehefrau und Admiral Nelson praktizierten, es musste nur erotisch
wirken und frei von Gefühlsverwirrungen sein. Denn Liebe galt im Adel
als degoutant. Es war einfach unschicklich, seine Frau zu lieben, ein Zeichen
von Geschmacklosigkeit, eben vulgärer Bürgerlichkeit. Eine Frau
ohne Geliebten wurde bisweilen als reizlos oder gesellschaftlich kompromittiert
angesehen, ein Mann ohne Mätresse war entweder impotent oder finanziell
ruiniert.
Dies galt aber, das muss immer wieder betont werden, nur für die Oberschicht.
Im Volk war die Frau eine Arbeitskraft mit einem zum männlichen Partner
passenden Geschlechtsorgan. In England konnten Frauen bis zum Ende des
18. Jahrhundert auf Weibermärkten ge- und verkauft werden, was wesentlich
billiger kam als eine Scheidung
, ihr Wert war, wie ein hessisches Sprichwort zeigt, überall gering:
"Kühverrecke, großer Schrecke, Weibersterbe kein Verderbe."
Das Verhältnis zwischen Männern
und Frauen aus der Unterschicht war geprägt von Gleichgültigkeit,
ihr sexueller Umgang in der Regel wohl so schnell und lieblos, wie es ein
lettisches Volkslied darstellt: "Vati stößt und stößt
die Mami, als wolle er sie ganz zerstoßen. Ruht kurz zwischen ihren
Beinen, fängt das Stoßen wieder an."
Eine Untersuchung über Sexualität auf dem Land im 17./18. Jh.
beweist, dass viele Sexualkontakte einer Vergewaltigung gleichkamen.
Dokumentiert ist z. B. der Versuch eines Bauern, seine Magd zu vögeln,
während sein fünfjähriger Sohn im selben Bett lag.
Wurde eine vergewaltigte Frau schwanger, drohte ihr Gefängnis wegen
Unzucht. Nur weil sie sich nach der Vergewaltigung durch einen Soldaten
selbst angezeigt hat, blieb 1766 in der Steiermark einer Schwangeren die
Haftstrafe erspart, sie musste nur fünf Gulden Buße zahlen.  |
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Noch immer aber glaubten
viele Mediziner, dass sexuelle Enthaltsamkeit schädlich sei, körperliche
Störungen verursache wie Hysterie bei Frauen und Schwäche bei
Männern. Der vermutete direkte Kontakt zwischen Genitalien und Gehirn
ließ allerdings zu häufige geschlechtliche Betätigung auch
nicht ratsam scheinen, da sie zur Gehirnschrumpfung, zum Austrocknen des
Hirns führen könnte.
Für eine Empfängnis hielt
man weiterhin den Orgasmus der Frau für so wichtig, dass in Vergewaltigungsprozessen
eine Schwangerschaft als Beweis der Einwilligung galt. Anm.
Als andererseits Kaiserin Maria Theresia nach ihrer Heirat zunächst
nicht schwanger wurde, riet ihr ein kluger Arzt: "Im übrigen glaube
ich, die Vulva Eurer Allerheiligsten Majestät sollte vor dem Koitus
gekitzelt werden."
Dass es diesen direkten Zusammenhang
zwischen Orgasmus und Schwangerschaft nicht gibt, wussten Frauen zwar schon
seit Jahrtausenden, aber um 1770 entdeckten dies auch die Wissenschaftler.
Der Chirurg John Hutter befruchtete als erster Arzt eine Frau künstlich
mit dem Samen ihres Mannes.
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2001 Karl Pawek pawek@web.de |
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