| Noch im späten
Mittelalter galt den Menschen nur eine Form des Sexualverhaltens als tatsächlich
sexuell: Der Koitus unter Erwachsenen. So war die Masturbation nur ein
Mittel, sich von körperlichen Spannungen zu befreien. Der Arzt Arnold
von Villanova (1235 - 1312) hielt es sogar für ein Gebot der Hygiene,
verdorbenen Samen, der nach langer Enthaltsamkeit giftig geworden sein
könnte, durch Masturbieren aus dem Körper zu entfernen. |
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| Die Männerkleidung,
aber auch Priesterrröcke verdeckten kaum das Geschlecht |
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| Mit der Renaissance,
dem Ende des Sklavenhandels, der Überwindung der Naturalwirtschaft
und dem Entstehen der Geldwirtschaft gewinnt die Sexualität - zuerst
in Italien - an Fröhlichkeit. Noch sieht Boccaccio in der unzüchtigsten
Erzählung des Decamerone („Wie man den Teufel in die Hölle schickt“)
die Vagina als Hölle, aber bis am Ende des 15. Jahrhunderts der christliche
Fundamentalist Savanarola das Buch in die Flammen des Scheiterhaufens werfen
und Papst Paul IV. 1559 es auf den Index setzen wird, können die Menschen
lesen: "Die Natur hat nichts umsonst geschaffen, und sie hat uns auch diese
edlen Teile verliehen, damit wir davon Gebrauch machen, nicht um sie müßig
ruhen zu lassen." Der neue Ton war frech, ehrlich, ungekünstelt. Sacchetti überliefert einen Ehekrach zwischen einem Sieneser Kruzifixmaler und seiner untreuen Ehefrau: "Er: Du verdammtes Flittchen! Mir wirfst Du vor, ich sei ein Säufer, und Du selber hast nichts besseres zu tun, als Deinen Kerl ausgerechnet hinter meinen Kreuzen zu verstecken! Sie: Sagst Du was zu mir? Er: Nein, zu einem Haufen Eselscheiße. Sie: Was Besseres hast Du auch nicht verdient. Er: Miststück. Ich weiß wirklich nicht, warum ich Dir nicht diesen Schürhaken in Dein verdammtes Loch stoße! Sie: Rühr mich nicht an - beim Kreuz Gottes. Wenn Du mir was antust, dafür wirst Du zahlen, bis Du schwarz bist. Er: Du Drecksau - Du und Dein Beschäler da! Sie: Verflucht, wer seine Tochter zwingt, einen Maler zu heiraten." |
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| Glaubt man italienischen
Renaissanceautoren, ging der Mann mit Hemdärmeln ins Bett, die Frau
trug ein leichtes Hemd. Unter Liebesgeflüster berührten, streichelten,
stimulierten sie sich, vor allem die maximale Erregung der Frau war wichtig
für eine komplikationslose Schwangerschaft und reichen Kindersegen.
Der Geschlechtsakt war keineswegs phantasielos. Boccaccios Narr Calendrino
beschwert sich bei seiner Frau: "Du willst immer nur oben liegen." |
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| Da Priester und Mönche
als Sexualathleten galten, nannte man ihnen zu Ehren den Koitus Psalm.
Wollte die Frau ein Kind, sollte sie nach dem gemeinsamen Rezitieren eines
Psalms ganz ruhig liegenbleiben, da jede Bewegung, und sei es nur ein Niesen,
die Schwangerschaft verhindere, wenn der Samen aus seinem Behältnis
geschleudert werde. In den schlecht beleuchteten Spinn- und Rockstuben Sogar die Prostitution wurde in der Renaissance frei von Schmutz und Unterdrückung zu einer von der Obrigkeit geregelten Dienstleistung. So musste sich der Wirt des Frauenhauses zu Ulm gegenüber dem Bürgermeister und dem Rat der Stadt verpflichten: "Zu andern, so soll Er schwören, das Frauenhaus wesentlichen zu halten, und dasselbige mit tauglichen, saubern und gesunden Frauen nach Notturft und Gestalt des Wesens, hie zu Ulm, zu fürsehn, und zu keiner Zeit unter vierzehn Frauen nicht zu haben, es begeb sich denn, dass Ihm eine oder mehr Krankheit oder anderer sachen halb, aus dem Haus komme, dieselben soll er dann, in einem Monat dem nächsten mit ander oder andern geschikten, saubern und gesunden Frauen zu ersetzen und zu erstatten schuldig und verbunden sein ungefärlich, damit am mindesten an der obbemelten Anzal der viertzehn Frau nicht Abgangk oder Mangel werde." |
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| In der Toscana hatten
alle größeren, in Ligurien auch Kleinstädte ihre Prostituierten
in Badehäusern, Privatbordellen oder im „grande Maison“, dem Stadtbordell.
In Tarascon kamen im 15. Jh. auf 5-600 Familien 10 städtische Prostituierte,
Dijon, das damals weniger als 10 000 Einwohner hatte, zählte über
100 Dirnen. Nicht nur für junge Männer war der Besuch bei einer Prostituierten üblich Die Tatsache freilich, dass bis in die Mitte des 15. Jh. und später immer wieder die Vergewaltigung einer Frau mit zweifelhaftem Lebenswandel weniger verwerflich war als einer Frau von einfachem Stand |
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| Doch das Geschäft
florierte. Die Hurenhäuser waren nur zu Weihnachten und in der Karwoche
geschlossen, ansonsten ruhte der Betrieb nur sonntags während des
Hochamtes. |
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| Auch die geistlichen
Herren scheuten nicht die Prostitution, über 1000 Dirnen sollen am
Konzil von Konstanz mitgewirkt haben, 300 in Trient. |
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| Außer für
Juden, denen jeder Geschlechtsverkehr mit einer Christenfrau unter Androhung
grausamer Strafen (Abschneiden des Penis und Ausstechen eines Auges) verboten
war Mit der Renaissance, dieser maternistisch-individualistischen Epoche, setzt sich die Auffassung durch, dass jeder Mensch frei in seinem Handeln sei. Berief man sich im Mittelalter auf höchste moralische Grundsätze zur Rechtfertigung grausamster Gewalt, so praktizierte die Renaissance egoistische Gewalt ohne andere Rechtfertigung als der des persönlichen Nutzens. Die Renaissance war - auch im Sexualverhalten - weniger antiautoritär als zügellos. Tatsächlich handelt es sich bei dem Freiheitsversprechen der Renaissance nur um die Freiheit des Stärkeren. Er konnte z. B. die sexuelle Untreue einer Frau, wie Brantome berichtet, barbarisch und selbstgerecht bestrafen: |
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| "Als ich zum erstenmal
in Italien war und nach Venedig kam, wurde mir von einem albanesischen
Ritter erzählt, der, seine Frau beim Ehebruch überraschend, den
Liebhaber tötete. Er war wütend darüber, dass seine Frau
sich nicht mit ihm begnügte, da er doch ein wackerer Ritter war, und
ein Held im Reiche der Venus, der zehn bis zwölfmal des Nachts das
Opfer brachte. Zur Strafe suchte er ein Dutzend tüchtiger Männer
zu finden, die im Rufe standen, sehr stark begabt und feurig zu sein. Diese
mietete er für Geld, sperrte sie in das Zimmer seiner Frau, die sehr
schön war, und überließ sie ihnen, indem er sie bat, gut
ihre Pflicht zu tun; er versprach ihnen doppelte Bezahlung, wenn sie ihre
Aufgabe sehr gut erfüllten. Die Männer machten sich nacheinander
ans Werk und waren so eifrig, dass die Frau dabei starb, zur großen
Genugtuung ihres Gatten. Im Augenblick des Sterbens warf er ihr vor: da
sie diesen süßen Trank so sehr geliebt habe, möge sie sich
nun daran satt trinken. Ähnlich wie Semiramis zu Cyrus sagte, indem
sie seinen Kopf in ein Gefäß voll Blut steckte. Das ist wahrlich
eine schreckliche Todesart!" Für die Reichen und Mächtigen muss das Leben das Leben im 15. und 16. Jahrhundert ein toller Spaß gewesen sein. Man betrog einander - nicht nur sexuell - nach Strich und Faden, kümmerte sich wenig um Moral. Über die Bürger Venedigs und anderer Hafenstädte spottete man, ihre Penisse müssten unvorstellbar lang sein, wenn sie sogar auf Reisen aus weiter Ferne ihre Gattinnen schwängern können. |
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| Aber auch der Klerus
legte sich wenig Zwänge auf. Der Jesuiten-Kardinal Robert Bellarmin,
1930 heiliggesprochen, rühmte sich, über 1600 Frauen geliebt
zu haben |
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| Am Beeindruckendsten
aber ist die Nüchternheit, mit der man sexuelle Handlungen wortgewaltig
aussprach und darstellte. Pietro Aretino, ein
ebenso begnadeter Erzähler wie gemeiner Schuft, der einen guten Witz
so sehr zu schätzen wusste, dass er sich beim Hören eines Witzes
über seine Schwester schließlich totlachte, lässt die Kurtisane
Nana aus der Schule plaudern: "Nun, um nicht für eine Heuchlerin zu
gelten, so will ich Dir also sagen, dass zwei stramme Pobacken mehr vermögen,
als alle Philosophen, Astrologen, Alchimisten und Nekromanten, die je auf
der Welt waren. Ich probierte soviel Kräuter, wie auf zwei Wiesen
wachsen, und soviel Worte, wie auf zehn Märkten geschwätzt werden,
und vermochte doch nicht auch nur um Fingers Breite einen, dessen Namen
ich Dir nicht nennen darf, das Herz zu rühren. Und dann machte ich
ihn mit einer einzigen Bewegung meiner Hinterbäckchen so bestialisch
verrückt nach mir, dass alle Bordelle ganz baff darüber waren." |
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| Clement Marot, Hofdichter
Franz I., dichtet über die Ökonomie des Geschlechtsverkehrs:
"Ach", sprach er, "wie viele Schulden macht man um der Liebsten Schoß!
Glaubt mir, Süße, jeder Stoß kostet mich zwei blanke Gulden."
Ei, da fuhr sie zornig los: "Euer Hirn ist eingerostet, stoßt doch so oft, dass der Stoß Euch nur einen Heller kostet." Wurde aus dynastischen Gründen Wert auf eine Jungfernschaft gelegt, wusste Brantome Rat: "Man kann den Mädchen auch scheinbar die Jungfernschaft wiedergeben, indem man Blutegel in die Scheide setzt, die durch das Saugen eine blutgefüllte Blase erzeugen. Diese zerplatzt dann in der Hochzeitsnacht, das Blut fließt heraus, und der Gatte ist voll Vergnügen, nicht minder die Braut, denn l´onor della citadella è salvo." Engländer wünschten sich von einer Frau: "Sie solle erstlich fröhlich im Gemüt sein, sodann wohlgebildet, drittens eine breite Stirn haben, viertens breite Hinterbacken, fünftens stets auf der Hut sein, sechstens leicht zu bespringen, siebentens gut zu brauchen auf einer langen Fahrt, achtens muss sie sich fleißig unter dem Manne rühren, neuntens stets hurtig mit dem Munde sein und zehntens allzeit auf den Zaum beißen." |
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| Wie bieder hört
sich dagegen die Lustregulierung Martin Luthers an: "Die Woche zwier, Der
Weiber Gebühr, Schadet weder mir noch dir, Macht´s Jahr hundertundvier." Auch die Bildende Kunst sprengte die sakralen Grenzen des Mittelalters. Die Nacktheit wird nach Jahrhunderten wieder zum Bildthema, einen der ersten Frauenakte malt 1493 Dürer, in Italien wagt es Signorelli in seiner "Schule des Pan" eine völlig nackte Frau zwischen nackte Männer zu stellen. Giorgiones "Schlafende Venus" wirkt lebendiger, als je eine Statue, und Tizianos "Venus im Truhenzimmer", das Modell war die Herzogin von Urbino, begründet eine ganze Reihe von Aktdarstellungen berühmter, hochangesehener Frauen. Anm. |
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| Neben häufigen Notdurft- und Vergewaltigungsszenen - am Beliebtesten die Vergewaltigung der Lukretia - finden sich zunehmend häufiger sexuelle Anspielungen in den Bildmotiven. Jan Steens "Die Liebeskranke" wird nur verständlich, wenn man die sexuelle Doppeldeutigkeit des Klistiers und Fisches als Penissymbol kennt. Gar nicht doppeldeutig, sondern die neuzeitliche Entdeckungslust preisend ist das Bild eines gestrandeten Walfischs. Die Spaziergänger bestaunen seinen riesigen Penis, besteigen, vermessen ihn. | ![]() |
| Die sexuellen Entkrampfung
veränderte die Rolle der Frau außerhalb der Katholischen Kirche.
Eine anonyme englische Autorin verkündete 1620: "Wir sind ebenso frei
geboren wie Männer, haben die gleiche freie Möglichkeit zur Wahl
und einen ebenso freien Geist, unser Körper ist aus dem gleichen Fleisch
und Blut. Bei gleicher Freiheit können wir auch aus unserem Wesen
Vorteile ziehen." Auch bei den Wissenschaftlern, diesem "Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können" |
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| Vom Koitus während
der Nacht wird abgeraten, es könnten blinde Kinder gezeugt werden Der Junge Ehemann steht im Hochzeitsappartement nackt vor dem Spiegel und bewundert sich. "Zwei Zentimeter mehr, und ich wäre ein König", sagt er stolz. "Ja", sagt die Braut, "zwei Zentimeter weniger, und du wärst eine Königin." |
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| Bis in die Anfänge
des 17. Jahrhunderts glaubten die meisten Intellektuellen Anm.,
dass jeder menschliche Körper männlich und das Geschlecht der
Frau nur ein infolge der Kälte ihres Temperamentes nach innen gewendetes
Geschlecht des Mannes sei. In dieser Gedankenwelt des einen Geschlechts in zwei unterschiedlich wertvollen Ausprägungen war weibliche Homosexualität mehr als nur eine sexuelle Verhaltensweise, sie war eine Anmaßung männlicher Herrlichkeit und daher verdammungswürdig. So berichtet Montaigne von einem Mädchen, das als Mann verkleidet als Weber arbeitete und eine Frau heiratete. Sie wurde, als man durch Zufall diese Anmaßung entdeckte, mit alttestamentarischer Strenge („Eine Frau soll nicht Männersachen tragen, und ein Mann soll nicht Frauenkleider anziehen“ 5. Moses 22,5) zum Tod durch den Strick verurteilt "wegen der unerlaubten Erfindung, die Unvollkommenheit ihres Geschlechts zu ergänzen". |
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| Doch machte die Wissenschaft
auch Fortschritte. Renaldus Columbus, Anatom in Padua und einer jener modernen
Wissenschaftler, die genau hinschauten, statt zu philosophieren, entdeckte
die Klitoris als Zentrum weiblicher Lust. Wie beim Penis "wird man, wenn
man sie berührt, bemerken, dass sie ein bisschen härter und länglich
wird, so sehr, dass sie sich als eine Art männliches Glied erweist". © 2001 Karl Pawek pawek@web.de |
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