Der Untergang des
römischen Reiches, Völkerwanderungen, Pest- und Pockenepidemien
entzivilisierten und entvölkerten Europa. "In der allzu raschen Berührung
der Germanen mit den Römern übernahmen die Barbaren begierig
deren Laster, und die Römer, nicht mehr durch einen starken Staat
gehemmt, übernahmen die Roheit der Germanen. Man gewahrt eine Entfesselung
wildester Leidenschaften und niedrigster Triebe. Die Primitivität
dieser Zeit war von Falschheit und Grausamkeit geprägt."
Da die Schriftkultur fast verschwand
, ging viel Wissen früherer Jahrhunderte - z.B. über Empfängnisverhütung
- verloren. Aber auch die Überlieferung der frühmittelalterlichen
Geschichte blieb auf Grund der sich ausbreitenden Entalphabetisierung rudimentär.
Man könnte fast meinen - und Heribert Illig versuchte es sogar in
seinem Buch „Das erfundene Mittelalter“ nachzuweisen -, dass einige Jahrhunderte
nur gezählt, aber nicht gelebt wurden. Häufig jedenfalls sind
nur indirekte Rückschlüsse möglich auf die Lebensverhältnisse
der Menschen. Die wenigen weltlichen Schriftzeugnisse des frühen Mittelalters
lassen in Strafandrohungen und Strafmaßen immerhin vermuten, dass
die restriktive Sexualmoral mit immer gewalttätigeren Verhältnissen
kollidierte. Anm. |
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Beispielhaft dafür
ist der Umgang mit der Scheidung. Im 6. / 7. Jh. sah man - zumindest unter
den Merowingern - die Sache noch locker. Überliefert ist eine Scheidungsformel,
die nüchtern feststellt: „Da es wohl bekannt ist, dass wir unmöglich
beisammen bleiben können - der Teufel hat das bewirkt und Gott will
unser Zusammensein nicht -, so ist es am besten, wir lösen unseren
Bund vor guten Menschen, was wir auch getan haben. Will also ein Mann ein
anderes Weib nehmen, so soll es ihm frei stehen, und in gleicher Weise
auch der Frau, wenn sie einen anderen Mann will.“
Bis Ludwig der Fromme die Scheidung
verbietet, hat die Frau ihre Gleichwertigkeit eingebüßt, wurde
sie zum Besitz des Mannes, der das Scheidungsverbot leicht umgehen konnte.
Erzbischof Hinkmar von Reims beschreibt die Scheidung auf karolingisch:
Der Ehemann schickt seine Frau in die Kirche, wo ihr der Hausschlachtersklave
die Kehle durchschneidet. Der Ehemann zahlt die festgelegte Buße
an die Familie der Frau, ist nun Witwer und darf wieder heiraten.
Billiger war es, wenn die Ehefrau beim Ehebruch ertappt worden war, dann
durfte sie der Hausherr selbst züchtigen, sogar bei lebendigem Leib
verbrennen.  |
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Bußbücher
für Pfarrpriester, nach denen sie die Schwere der Sünden ihrer
Beichtkinder beurteilen konnten, geben Aufschluss über das gewöhnliche
Sexualverhalten im Mittelalter. Wer sich mit einer Frau von hinten paarte
- "wie die Hunde" - oder während der Menstruation oder Schwangerschaft,
musste 10 Tage büßen bei Wasser und Brot. Geschah es während
der Fastenzeit, betrug die Buße 40 Tage.
Homosexuelle allerdings scheinen von der Kirche nicht strenger verurteilt
worden zu sein als Paare, die Empfängnisverhütung praktizierten.
Kulturell und zivilisatorisch war das
frühe Mittelalter eine fruchtlose Zeit, in der die meisten Menschen
unter erbärmlichen Lebensverhältnissen vegetierten und wohl kaum
die Lust verspürten zu genussvollen Liebesspielen auf feuchten Strohsäcken.
Andererseits waren die kirchlichen und staatlichen Autoritäten schwach,
wenig gegenwärtig. Das Recht des körperlich Stärkeren beherrschte
den Alltag und damit auch die Sexualität.  |
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Nur auf Umwegen fand
das mittelalterliche Europa wieder Anschluss an die Antike. Die Eroberung
weiter Teile Spaniens und der Türkei brachte ab 713 den Islam und
mit ihm das vorchristliche, weltliche Wissen nach Europa zurück, ohne
den Kontinent zu islamisieren. Anders als das Christentum verteufelt der
Islam nicht Sexualität ohne Fortpflanzungszweck, sie muss nur legal
praktiziert werden.
Männern erlaubt der Islam jedes sexuelle Vergnügen, das sie sich
leisten können, denn, wie Mohammed verkündete: "Die Weiber sind
Euer Acker, kommet in Euren Acker auf welche Weise Ihr wollt." Frauen dagegen
müssen männlichen Schutz mit totaler Unterwerfung auch im Geschlechtlichen
bezahlen.
Allerdings ist die frauenfeindliche Sexualmoral des zeitgenössischen
Islams relativ jung. Im vorislamischen Arabien gab es auch die Mehrehe
von Frauen, die bei der Geburt eines Kindes einen ihrer Männer zum
Vater erklärten.
Und noch Mohammed wurde von einer seiner Ehefrauen frei gewählt, von
einer anderen verstoßen.
Erst später verkam die Braut zur Ware. Der Ehemann durfte vor der
Hochzeit ihr unverhülltes Gesicht nicht sehen. Gefiel sie ihm nicht,
konnte er sie in der Brautnacht ihrem Vater zurückgeben, solange er
sie noch nicht entjungfert hatte. Er musste ihr dann allerdings die Morgengabe
lassen, die er am Tag des Verlöbnisses hinterlegt hatte. |
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Auch im Islam gilt
die Erdenfrau als unrein: Mohammed riet den Männern: "Habt ihr euch
durch Beischlaf verunreinigt, so wascht euch ganz. Seid ihr aber krank
oder auf der Reise oder nach Verrichtung der Notdurft, oder habt ihr Frauen
berührt und ihr findet kein Wasser, so nehmt feinen, reinen Sand und
reinigt euer Gesicht und eure Hände damit."
Während die Erdenfrau ein gefährlicher Notbehelf ist, erwartet
den Gläubigen im Paradies eine Lagerstatt mit so vielen Jungfrauen,
wie er sich nur wünscht.
So schlicht und vordergründig
die intellektuelle Qualität des Islams auch sein mag, so erlaubt seine
- wenn auch nur männliche - Sexualbejahung den wissenschaftlichen
Umgang mit dem Körper.
Ein Mann schreibt
an seinem Geburtstag ins Tagebuch: "Heute werde ich zwanzig Jahre alt und
kann meinen Penis nicht mit beiden Händen biegen." "Heute werde ich
fünfundzwanzig Jahre alt und kann meinen Penis nicht mit beiden Händen
biegen." Und so weiter: dreißig, fünfunddreißig, vierzig,
fünfundvierzig, fünfzig, fünfundfünfzig. Schließlich
mit sechzig Jahren: "Heute habe ich ihn gebogen. Ich muss stärker
geworden sein." |

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Während sich
die christlichen Fundamentalisten jahrhundertelang nur um die Moral kümmerten,
betrieben Mohammedaner Forschung (soweit es der Koran zuließ: selbstverständlich
durften auch sie nicht sezieren oder nackte Frauen betrachten.) Der arabische
Arzt Avicenna begründete die Notwendigkeit des Geschlechtsverkehrs
u.a. damit, dass die Qualität oder auch nur Quantität des Spermas
bei Mann und Frau spezifische Reize in den Samenleitern des Mannes und
im Muttermund verursache, denen nur durch die Reibung während des
Geschlechtsverkehrs (oder durch Masturbation) abgeholfen werden könne. Da
ein zu kleiner männlicher Penis nicht genug Reibung erzeuge, bleibe
die Frau in diesem Fall unbefriedigt, gebe kein Sperma ab, daher könne
auch kein Kind entstehen. Unbefriedigte Frauen, warnt Avicenna, würden
zusammen mit anderen Frauen beim Reiben Zuflucht suchen, um untereinander
zur Fülle ihrer Befriedigung zu kommen.  |
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Mittelalterliche
Sprüche lassen ahnen, welche Unersättlichkeit Mann Frauen zutraute:
"Ein Ei ist ein Mund voll, eine Brust ist eine Hand voll, ein Arsch ist
ein Schoß voll, aber eine Fut ist ein Nimmervoll." "Bei allem gelangt
man auf den Grund, nur bei der Fut nicht."
Ihrer sexuellen Unersättlichkeit wegen galten Frauen um die Jahrtausendwende
als sittlich schwer gefährdet. Bischof Burchard von Worms wies die
Beichtväter an, diesbezüglich detaillierte Fragen zu stellen:
„Hast du getan, was manche Weiber tun, und dir eine gewisse Maschine in
passender Größe gefertigt, hast du sie vor dein Geschlecht oder
das einer Gefährtin gebunden und mit Hilfe dieses oder eines sonstigen
Geräts mit anderen bösen Weibern Unzucht getrieben, oder haben
andere es mit dir getan?“
Das bei solchen Befragungen gewonnenen Wissen um die sexuelle Unbefriedigtheit
seiner Beichttöchter wurde wohl nicht selten von Priestern ausgenutzt
zur Erlangung eigener sexueller Befriedigung. Um ihre Frauen vor klerikalen
Begierden zu schützen, nötigte mancherorts die Gemeinde ihren
Priester, sich eine Konkubine zu halten.  |
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Preist der Islam
das Vergnügen am Sex, so waren die Christenführer von ihm besessen.
Getrieben von verbotener Lust und schrecklicher Angst, suchten sie ihn
durch Ge- und Verbote zu beherrschen. Das Konzil von Trient bekräftigte,
dass jeder selbstverständlich eheliche Geschlechtsverkehr nur ohne
Lust Anm., zur Not aus Pflichterfüllung
gegenüber dem begehrlichen Partner oder zur Vermeidung eigener Unzucht
stattfinden dürfe: "Wenn einer der Gatten in sich die Versuchung zum
Ehebruch oder zu Selbstbefriedigung verspürt, dann darf er, falls
er keinen besseren Weg findet, die Ehe dazu nutzen, diese Versuchung abzuwenden."
Aber es blieb eine Todsünde, sich auch nur in Gedanken mit einem anderen
als dem eigenen Gatten zu vereinigen.
Als Todsünde galt auch jede Empfängnisverhütung, das Abtreibungsverbot
allerdings wurde bis zum 80. Tag nach der Empfängnis gelockert. |
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Die Begattung musste
frontal vollzogen werden, am besten bekleidet. Für den gebührenden
Abstand wurde ein züchtiges Nachtgewand entwickelt, das chemise cagoule:
ein schweres Nachthemd mit passender Öffnung, durch die der Mann seine
Frau befruchten konnte, ohne mit ihr in eine über das Notwendige hinausgehende
Berührung zu kommen. Anm.
Verboten waren alle Stellungen, bei denen die Frau auf dem Mann liegt,
denn dabei sehe man nur die Frau handeln, den Mann aber unterlegen.
Verboten war Masturbation auch unter Eheleuten, selbstverständlich
auch jede andere Sexualtechnik, die nicht den einzigen Zweck des Geschlechtsverkehrs,
die Fortpflanzung, ermöglicht.
Verboten schließlich war jeder Geschlechtsverkehr drei Tage lang
nach der Hochzeit, während der Menstruation und Schwangerschaft, mehrere
Wochen nach der Geburt, an Donnerstagen (Tag der Gefangennahme Jesu), Freitagen
(Kreuzigung), Sonntagen (Auferstehung)
sowie vor und an Festtagen. Der Kirchenkalender erlaubte also nur an rund
200 Tagen des Jahres den Geschlechtsverkehr. |
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Vor allem in den
Klöstern blieb die christliche Sexualhysterie nicht folgenlos. Wo
Mönche und Nonnen ihren Begierden nicht nachgaben, triumphierte der
Wahn. Angela von Foligno behauptete, Christus stelle ihr nach, Mechthild
von Magdeburg schilderte mystische Koitus-Szenen mit dem Heiland, Agnes
fühlte die Vorhaut Christi im Mund, Katharina von Siena, sie starb
mit 33 Jahren an unablässigem Fasten
, glaubte, sie am Finger zu tragen.
Überhaupt scheint die Vorhaut Christi die Phantasie der Gläubigen
erregt zu haben. Im 15./16. Jh. gab es ein Dutzend Gemeinden, die behaupteten,
die echte Vorhaut Christi in ihrem Reliquienbestand zu besitzen.
Wie immer in der Geschichte schaffen
Sexualverbote Abhängigkeit von der sie verfügenden Autorität.
Die biologische Unmöglichkeit, sie zu erfüllen, zermürbt
das Selbstbewusstsein, lässt Menschen sich schuldig fühlen, das
Böse in sich statt in der Krankheit ihrer Führer suchen. |
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Doch selbst Kleriker
handelten immer anders, als die Kirche sprach. Das Zölibat, die Ehelosigkeit
von Priestern, seit dem 3. Jahrhundert propagiert, 1074 eingeführt,
konnte nie wirklich durchgesetzt werden.
Bischof Heinrich von Lüttich z.B. zeugte im 13. Jahrhundert 61 Kinder.
Auch die Prostitution war und blieb unausrottbar. Überliefert sind
Spesenabrechnungen christlicher Ratsherren, die neben Essen und Wein auch
den (dreimal so teuren) Prostituiertenbesuch abrechneten.
Bei großen Festessen wurden Dirnen zum Nachtisch gereicht: „Herr
Wilwolt richtete (zu Gent) ein Bankett her, lud dazu den obersten englischen
Kapitän mit seinem trefflichsten Adel und viel andere große
Herren und mächtige Leute ein ... Dazu hatte er von Brügge und
Flandern die allerhübschesten Frauen, die da sein mochten, dazu die
besten Spielleute bestellt. Da fingen sie an zu tanzen und waren fröhlich,
und zur Nacht verehrte er einem jeden Herren eine hübsche Frau, mit
ihr nach des Landes Gewohnheit zu schlafen. Des Morgens wurden sie ihm
alle gütlich wieder abgeliefert, wofür er sich höflich bedankte.
Er beschenkte eine jede gebührend und schickte sie ehrlich nach Hause.“
Die Veranstalter christlicher Kreuzzüge mussten in einem einzigen
Jahr für den Unterhalt von 13 000 Prostituierten aufkommen
, und als Papst Innozent III. nach achtjährigem Aufenthalt 1243 Lyon
verlässt, bemerkt Kardinal Hugo zynisch: "Seit wir hierher kamen,
haben wir große Verbesserungen erwirkt. Bei unserer Ankunft fanden
wir drei oder vier Bordelle. Hinter uns lassen wir nur eins. Wir müssen
jedoch hinzufügen, dass es sich durchweg vom Ost- bis zum Westtor
erstreckt." Anm. |
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Kennzeichnend für
die christliche Sexualmoral im Mittelalter ist die Rigorosität der
Strafandrohung bei gleichzeitiger Lässigkeit in deren Vollzug. Für
Ehebruch betrug die Buße bis zu sieben Jahre, für homosexuelles
Verhalten oder Zoophilie von 22 Jahren bis lebenslänglich. Der Büßer
musste in weiße Tücher gehüllt öffentlich vor der
Kirchgemeinde ein Geständnis ablegen. Nach Ablauf der Bußfrist
erhielt er ein schriftliches Dokument. Die durch Essens- und Vergnügungsverzicht
doch recht lästige Buße wurde aber zunehmend durch Almosenzahlungen
ersetzt. In einigen Gegenden bestand auch die Möglichkeit, einen Büßer
zu mieten, der gegen Bezahlung für einen büßte.
Vergleichsweise mild war die Strafandrohung
für die wohl übliche Vergewaltigung, die mit einer Buße
bis zu einem Jahr bestraft wurde. Daher empfahl der Kaplan am Hofe der
Königin Eleonore, nur um die Gunst hochgestellter Damen zu werben.
Wenn aber das Interesse des Mannes auf eine ihrer Dienerinnen fällt,
riet er: "Gib acht und überhäufe sie mit Lob; wenn du einen bequemen
Ort findest, zögere nicht und nimm, was du suchst, und umarme sie
mit Gewalt. Denn du kannst ihre äußere Unnachgiebigkeit kaum
so erweichen, dass sie ihre Umarmungen ruhig gewähren ... wenn du
nicht anfangs ein wenig Zwang anwendest."
Wer als Höhergestellter ein Mädchen aus einer niedrigeren Schicht,
das ihm gefiel, nicht vergewaltigte, machte sich unter seinesgleichen lächerlich.  |
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Aber auch in den
Städten gehörte sexuelle Gewalt zu den alltäglichen und
ständigen Erscheinungen des Zusammenlebens.
Ca. 80% aller Vergewaltigungen waren Gruppenvergewaltigungen, zumeist vollzogen
von jungen unverheirateten Burschen.
Und sie waren eher die Regel als die Ausnahme. Die Hälfte aller jugendlichen
Stadtbewohner dürfte mindestens einmal an einer Gruppenvergewaltigung
teilgenommen haben.
Dennoch scheint die Sexualmoral in
der Unterschicht restriktiver gewesen zu sein als bei den Herrschenden.Die
unzähligen Schlaraffenlanderzählungen aus dieser Zeit sind nicht
nur Ausdruck des im Volk herrschenden Mangels, des immer wiederkehrenden
Hungers. Wenn sie gelegentlich auch - wie das Fabliau aus dem fernen Land
Coquaine Text - von einer freien Liebe phantasieren,
muss es zumindest bei den einfachen Zuhörern solcher Geschichten auch
an ihr gemangelt haben: „Die Frauen in jener Gegend sind wunderschön;
jeder nimmt sich die Damen und Fräulein, wenn er Lust dazu hat, ohne
dass sich jemand darüber aufhält; dann treibt er es mit ihnen,
wie es ihm gefällt, solange er will und ganz vergnügt. Die Frauen
werden deshalb nicht getadelt, sondern stehen in viel höherem Ansehen.
Und wenn es sich zufällig ergibt, dass eine Dame ihre Aufmerksamkeit
einem Mann zuwendet, den sie sieht, dann nimmt sie ihn sich mitten auf
der Straße und macht mit ihm, was sie gern möchte. So tut eines
dem anderen viel Gutes.“  |
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Dieses anarchisch-revolutionäre,
im Grunde nur humane Haltung in der Volkskultur musste die Herrschenden
beunruhigen. Sie wurden daher nicht müde, auch in sexualpolitischen
Fragen die Hierarchie zu verteidigen. Zwar wurden im Mittelalter Frauen
von keinem Gewerbe ausgeschlossen, für das ihre Kräfte ausreichten
, doch nicht nur Thomas von Aquin betonte die untergeordnete Stellung der
Frau: "Die Frau wurde geschaffen, um dem Mann zu helfen, aber einzig bei
der Zeugung ..., denn bei jedem anderen Werk hätte der Mann bei einem
anderen Mann eine bessere Hilfe als bei einer Frau."
Während in Mitteleuropa die Frau
noch als ein geiles Stück Natur galt, die keusche Ritter aus dem Schlaf
riss, um sie zu verführen, die nur Ehebruch im Sinn hatte, die man
daher im entlegensten Teil des Hauses hinter Schloss und Riegel sperren
sollte
, änderte sich - vom islamischen Westen und dem orthodoxen Osten ausgehend
- ihre Rolle und ihr Selbstverständnis. Nicht dass die von Minnesängern
vermittelte islamische Liebeslyrik der Frau sexuelle, politische oder wirtschaftliche
Rechte zugestanden hätte, aber das neue, bis ins 20. Jh. gültige
Ideal von der tugendhaften Frau ohne Körper befreite sie vom Verdikt
der Animalität. "Die Tugend", bemerkt Martin Dannecker treffend, "wurde
die europäische Haremsmauer."
Das neue Frauenbild wurde vor allem durch die „unbefleckte“, asexuelle
Jungfrau Maria symbolisiert, deren Verehrung sich im 12. Jahrhundert von
Byzanz nach Westeuropa übertrug.  |

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Doch zunächst
gewannen vor allem in Südfrankreich Frauen ein wenig Gleichberechtigung.
Sie konnten wie z. B. die junge Isabella von Couches, um 1090 bewaffnet
in den Kampf reiten
, in Kreuzzügen mitkämpfen, mussten bei Verkäufen ihres
Mannes gefragt werden
, regierten gar weite Teile des Landes. Weiter nördlich sah man die
Entwicklung kritischer. Hildegard von Bingen, sehr fraulich und sehr angepasst
und daher heute wieder hoch geschätzt, beklagte um 1135 den Ausbruch
des „weibischen Zeitalters“.
Von ihm überdauerte aber nicht viel mehr als eine Verfeinerung der
Sitten. Zwar aßen z. B. auch Vornehme immer noch mit den Händen,
aber man griff - zumindest in Gesellschaft von Frauen - nun nicht mehr
mit beiden Händen in die Schüssel, sondern benutzte nur mehr
drei Finger einer Hand, bis schließlich die Gabel den Prozess der
Zivilisation auf einen neuen Höhepunkt heben wird. Elias wies darauf
hin, dass diesem Wandel der Sitten mehr zugrunde liegt als nur eine modische
Laune: "Menschen, die so miteinander essen, wie es im Mittelalter Brauch
ist, Fleisch mit den Fingern aus der gleichen Schüssel, Wein aus dem
gleichen Becher, Suppen aus dem gleichen Topf oder dem gleichen Teller
... standen in einer anderen Beziehung zueinander, als wir; und zwar nicht
nur in der Schicht ihres klar und präzise begründeten Bewusstseins,
sondern offenbar hatte ihr emotionales Leben eine andere Struktur und einen
anderen Charakter."  |
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Statt im Körper
nur die vorübergehende und vergängliche Hülle der Seele
zu sehen, den zu verachten, wie Bernhard von Clairvaux predigte, selig
macht, begannen die Menschen, sich wieder um diesen Körper zu kümmern.
Galens Schriften wurden endlich aus dem Arabischen ins Lateinische rückübersetzt,
Peter von Spanien veröffentlichte 34 Rezepte für Reiz-, 26 für
Verhütungsmittel und 56, um die Fruchtbarkeit zu gewährleisten.
Das sexuelle Wissen blieb dennoch gering. Im Falle sexueller Erregung nahm
man an, dass eine gasförmige, vielleicht auch flüssige Modifikation
der Hitze die Genitalien beider Geschlechter anschwellen lässt.
Constantinus Africanus empfahl, nicht vor dem Verdauen der Nahrung, also
z.B. nicht um Mitternacht zu koitieren, damit der Samen kräftig werde.
Ein weiblicher Samenerguss sei zwar nicht notwendig, doch wünschenswert,
da er das Kind schöner mache
, und 17 von 25 untersuchten Traktaten beschäftigen sich mit der Frage,
ob eine Frau sich einen Orgasmus, also den Samenerguss, verschaffen darf,
indem sie sich selbst streichelt, wenn der Mann sich nach seiner Ejakulation
aus ihr zurückgezogen hat. 14 Autoren billigen diese Selbstbefriedigung,
nur drei verbieten sie.
Aber immer noch offenbart sich die Frauenverachtung in der männlichen
Brutalität: So hielten Ärzte im 13. Jh. die Lepra für eine
Folge der Unzucht mit einer menstruierenden Frau. Die schreckliche Folge
eines solchen unreinen Koitus konnte nur durch den Geschlechtsverkehr mit
einer Jungfrau beseitigt werden. Der Arzt Henri de Mondeville versprach:
„Dann wird diese von der Lepra angesteckt und er frei sein.“
Auf zwei Wegen versuchte die Kirche,
dieser Säkularisierung der Sinne gegenzusteuern, durch die Hexenverfolgung
und durch die Einflussnahme auf die Ehe. |
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| Ein
kleines Mädchen protestiert gegen die langen Gebete, die es aufsagen
muss, und fragt, warum sie sich nicht der kürzeren bedienen dürfe,
die sie ihre Eltern hat aufsagen hören. "Was für Gebete meinst
du denn?" fragt die Mutter. "Gestern nacht habe ich dich ganz deutlich
gehört. Du hast gesagt: "O Gott, ich komme." Und Papa hat gesagt:
"Herr Jesus, wart auf mich!"
War die Ehe bis ins 11. Jahrhundert
eine private, von den Eltern der Brautleute arrangierte Angelegenheit gewesen,
für deren Zustandekommen Zuneigung oder gar Liebe, die als subversiv,
ja destruktiv angesehen wurde, keine Rolle spielte
, drängte sich nun die Kirche immer mehr in die Zeremonie. Ein Priester
segnete vor dem öffentlichen Zu-Bett-Bringen der Eheleute das Ehebett
, die Kirche erklärte die Ehe mehrfach, weil zunächst wirkungslos,
zum Sakrament, vor allem aber gelang ihr über das Inzestverbot, auf
die Partnerwahl Einfluss zu nehmen. Das Heiratsverbot wurde ausgeweitet
bis auf angeheiratete Verwandte 4. und Blutsverwandte 7. Grades, was bei
der geringen Mobilität der Gesellschaft die Partnerwahl sehr erschwerte.
Für die Kirche, deren Kompetenz
in Verwandtschaftsfragen unbestritten war, da sie die Register führte,
bedeutete die Inzestüberwachung eine wesentliche Machterweiterung.
Sie wurde nun auch zur Ehe-Instanz, von deren Wohlwollen - z.B. beim Gewähren
einer Dispens - die Familien abhängig waren. Als neue Ehe-Instanz
lockerte die Kirche aber auch - gewiss ungewollt - die elterliche Willkür
und trug damit zur Personalisierung der Ehe und zur Befreiung der Frau
bei.
So durften im 13. Jahrhundert in Schwaben Männer mit 14 und Frauen
mit 12 Jahren ohne Einwilligung der Eltern heiraten.
Zudem wurde das eben doch nur taktische Inzestverbot bald wieder abgeschwächt.  |
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Eine nicht minder
starke Einflussmöglichkeit auf die Gesellschaft bot die Hexenverfolgung.
Wie beim Inzestverbot, das wesentlich älter ist als das christliche
Eherecht, hat die katholische Kirche auch den Hexenwahn nicht initiiert,
nur genutzt. Die erste Hexenverbrennung 1275 hat mehr mit der neuen, viele
Männer ängstigenden Rolle der Frau zu tun als mit religiösem
Eifer, zumal bis zum Anfang des 14. Jh. die Verurteilung von Hexen zum
Tode selbst mit dem Tod bestraft wurde.
Die Abkehr von dieser skeptischen Einstellung vollzog erst Papst Johannes
XXII., der wohl unter Verfolgungswahn litt.
Der Hexenwahn war nicht nur unter Katholiken
in ganz Europa verbreitet, auch Luther behauptete, dass Hexen Gewitter
machen, Krankheiten hervorrufen und vielerlei Schaden stiften.
Im Hexenwahn manifestiert sich die angstvolle Verachtung der Frau, die
Verdammnis ihrer vermeintlichen Geilheit Anm.,
wie sie bis ins 19. Jahrhundert die Phantasie der Salonmaler und Märchenerzähler
beschäftigt. Text Der Hexenwahn
ist auch Ausfluss eines vorwissenschaftlichen Denkens, das unerklärliche
Krankheiten - z.B. Epilepsie - nicht anders zu deuten wusste als durch
teuflische Besessenheit. Die ökonomische und moralische Krise der
spätmittelalterlichen Gesellschaft suchte einen Sündenbock
, und da es sich auch um eine innerkirchliche Krise handelte, eigneten
sich die üblichen Opfer, die Juden, diesmal nicht. Daher brauchte
man Hexen und Zauberer als imaginären Dämonen in Menschengestalt,
die mit den immer noch weit verbreiteten heidnischen Kulten in Verbindung
gebracht werden konnten. Das Verhütungs- und Abtreibungswissen weiser
Frauen gefährdete nicht nur die christliche Moral, sondern auch das
nach Pest und Hungersnöten dringend notwendige Bevölkerungswachstum.
Auch das Zölibat förderte die Hexenverfolgung, da den zur Keuschheit
verdammten Klerikern immer wieder der Teufel in Gestalt des Weibes als
Verführer erschien.
Zudem war die Hexenanklage für die Kirche oft ein gutes Geschäft,
konnte doch das Vermögen der Verbrannten eingezogen werden.
Nicht zuletzt aber war der Hexenwahn auch ein mediales Phänomen. |
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Kaum hatte der machtgeile
Hurenbock Papst Innozenz VIII. in einer Bulle beklagt, dass sich vor allem
in Deutschland sehr viele Personen mit dem Teufel geschlechtlich vergnügten
, machten sich die Informanten des Papstes, zwei von sexuellen Wahnvorstellungen
und Frauenhass besessene Dominikanermönche, ans Werk. In ihrem "Hexenhammer",
einem "Nachschlagewerk der Sexualpathologie"
, wiederholten sie nicht nur die 2000 Jahre alten Klischees von der geilen
Frau, sondern reduzierten auch die christliche Sexualmoral auf ihren griffigen
Punkt: Die Macht des Teufels liege im Geschlecht des Menschen. Bis in die
letzten Details phantasierten sie den hörnernen Schwanz des Teufels,
ca. 60 cm lang, mittleren Umfangs, gebogen, sehr rauh, spitz. Sein Samen
sei eiskalt, da er keinen eigenen besitze, sondern sich ihn vor jedem Akt
von einem Mann holen müsse.
Nun würde der Hexenhammer wohl
zu den unzähligen, nur mehr Spezialisten bekannten Traktaten zählen,
wäre nicht kurz vor seiner Veröffentlichung 1489 der Buchdruck
erfunden worden. Als eines der ersten gedruckten Bücher konnte der
Hexenhammer massenhaft verbreitet werden und stieß, weil der Wahn
seiner Autoren dem Zeitgeist entsprach, auf ungeheures Interesse. |
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Man schätzt,
dass zwischen 500 000 und 2 Millionen Menschen den Hexen- und Zaubererverfolgungen
zum Opfer fielen
, nicht gezählt jene, die nur gequält, nicht getötet wurden
wie eine Jungfrau in Ingolstadt, die 1584 von 12652 in sie gefahrene Teufel
befreit wurde.
Selten sind Stimmen der Vernunft. So veröffentlichte 1563 der deutsche
Arzt Johann Weyer eine Abhandlung "Von der Täuschung der Dämonen",
in der er nicht Hexen, sondern Krankheiten für unerklärliche
Erscheinungen verantwortlich machte. Die Kirche setzte das Buch auf den
Index.
Denn selbstverständlich stärkte der Hexenterror auch die Macht
der Kirche (die heute noch Teufelsaustreibungen betreibt). Aber die Tatsache,
dass noch zu Goethes Zeiten Hexenprozesse und Hinrichtungen stattfanden
Anm.,
beweist, dass diese Barbarei nicht nur kirchlichem Zwang, sondern der Sexualangst
der Menschen entspringt.
©
2001 Karl Pawek pawek@web.de |

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