| In der bislang wohl
prüdesten und daher sexbesessensten Epoche der Menschheitsgeschichte,
dem 19. Jahrhundert, brachen unzählige Forscher auf zu Expeditionen
in die Frühgeschichte der menschlichen Sexualität. Bei den Urvölkern
Afrikas, Asiens, Australiens und Amerikas suchten sie, was sie finden wollten
Anm.:die
einen den Beweis für die Natürlichkeit der Monogamie, der Einehe,
andere die Promiskuität, die scham- und schrankenlose Geschlechterpaarung
im unverdorbenen sexuellen Paradies, z. B. auf den Gesellschaftsinseln.
Dort wählten sich die Mädchen ihre vorehelichen Sexualpartner
aus, den Jungen war es nicht gestattet, einem bestimmten Mädchen den
Vorzug zu geben. Da aber für männliche Jugendliche - wie überall
auf der Welt und noch heute - die Geschlechtsbefriedigung und nicht eine
Partnerwahl dringend war, funktionierte das System problemlos. |
|
| Die Berichte über
das Liebesleben ferner Völker waren oftmals verblüffend, aufregend,
phantastisch und bewiesen allesamt doch nur eins: Im Bereich der Sexualität
gibt es fast nichts, was es nicht gibt. Hier fand sich völlige sexuelle
Freiheit für Mädchen, und Jungfräulichkeit wurde als Schande
empfunden, dort war homosexueller Geschlechtsverkehr für Männer
selbstverständlich, wenige Tagereisen entfernt dagegen mit der Todesstrafe
bedroht, |
|
| Noch in den Dreißigerjahren
unseres Jahrhunderts glaubten die Bellonesen auf den Salomoninseln, dass
die einzige Funktion des Geschlechtsverkehrs das Vergnügen sei Dass Mütter unter solchen Voraussetzungen eine herausragende Rolle spielen, ist leicht einsichtig. Sie schaffen menschliches Leben, sind fruchtbar wie die Natur. Diese unverstandene Fruchtbarkeit gebot Ehrfurcht, Verehrung. Die gebärfähige Frau und nicht der jagende Mann bildete den Mittelpunkt frühmenschlicher Gesellschaften, ihrer Kulturen. Die ältesten Plastiken (25 000 v. Chr.) zeigen seltenTiere und noch seltener Männer, sondern fast gesichtslose Frauenkörper mit riesigen Brüsten und breiten Becken. |
|
| Lange hat man sich
um die Jahrhundertwende bemüht, die Existenz matriarchalischer Staaten
bis hin zur absoluten Umkehr geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung je
nach Interessenlage zu beweisen Um so erschütternder muss auf den Mann die aus der Naturbeobachtung gewonnene Ahnung gewirkt haben, dass er an der Entstehung eines Kindes nicht unbeteiligt ist. Als Vater hatte er plötzlich nicht nur ein Recht an seinem Kind, sondern einen Nachfolger und - als die Entstehung von Eigentum die Zukunft über die eigene Lebenserwartung hinaus verlängerte - auch einen Erben. Fatalerweise gab es für den Mann nur eine Möglichkeit sicherzustellen, dass ein Kind auch sein Kind ist: Der in seiner Sexualität beschränkte Mann musste die sexuell weitaus potentere Frau zwingen, geschlechtlich ausschließlich ihm zur Verfügung zu stehen. Anm. |
|
| Erst das Wissen um
die Folgen sexuellen Vergnügens vollendete die Vertreibung aus dem
Paradies, dem Ort der Unschuld. Was vorher nur Lust war, wurde zu einem
sozialen Akt mit Folgen für Frau und Mann: Die Privatisierung sexueller
Verhältnisse zwecks Gewährleistung einer Abstammungsgarantie
führte zur Monopolisierung der Frau (und damit zu ihrer Entsexualisierung
in der Öffentlichkeit). Die dadurch hervorgerufene Reduzierung des
Frauenangebotes aber förderte nicht nur die Entwicklung masturbatorischer
und homosexueller Techniken, sondern führte auch zur Entstehung der
Prostitution, dem keineswegs ältesten Gewerbe, gewiss jedoch der ersten
Form einer Verdinglichung (weiblicher) Menschen.
Wir wissen nicht, wann und wie sich diese ebenso gewaltige wie gewalttätige Veränderung im Verhältnis der Geschlechter ereignet hat, wir kennen nur ihre Folgen, die Entstehung von Hochkulturen mit ihrem schrecklichen Frauenhass. |
|
| Derälteste
überlieferte Witz (2600 v. Chr.) beschreibt Frauen bereits als Lustobjekte:
"Wie heitert man einen gelangweilten Pharao auf? Indem man eine Schiffsladung
junger Frauen, die nur Fischernetze anhaben, über den Nil fahren lässt
und zu dem Pharao zum Angeln schickt."
Es war eine Zeit des Umbruchs, das Alte
ließ sich wie in der Orestie (Eumeniden) des Äschylos nicht
so leicht verdrängen, dem Neuen fehlte noch die Legitimität.So
überdauerte die Tempelprostitution, ein ritueller Akt, der mit einer
Opfergabe verbunden war, lange die patriarchalische Wende. Herodot berichtet
über eine Form der Tempelprostitution in Babylon aus der Mitte des
5. Jahrhundert vor Christi: "Einmal im Leben muss sich jede einheimische
Frau im Tempelbezirk der Aphrodite niedersetzen und sich einem Fremden
zur Verfügung stellen. Vor und hinter einer jeden, und rechts und
links von ihr, lässt man offene Pfade, so dass die Fremden bequem
hindurchgehen können, um ihre Wahl zu treffen. Wenn eine Frau sich
einmal hingesetzt hat, dann steht sie nicht mehr auf, bis einer der Fremden
ihr zum Zeichen seiner Wahl eine Münze in den Schoß geworfen
hat, so dass sie sich mit ihm außerhalb des Heiligtums vereinige.
Die Höhe des Preises bestimmt der Käufer. Er wird nie zurückgewiesen,
denn das ist vom Gesetz verboten. Das Geld gehört nicht der Frau,sondern
der Gottheit. Sie muss dem ersten folgen, der da kommt." Borneman interpretiert
diese Form der apotropäischen Prostitution als Buße der Frau,
weil sie mit ihrer Heirat das Gebot der Göttin missachtete,der Fruchtbarkeit
wegen allen Männern zur Verfügung zu stehen. |
![]() |
| Eine der lächerlichsten
Übergangserscheinungen war das Männerkindbett, Herodot und andere
Griechen beschrieben diesen absurden Versuch, weibliche Fruchtbarkeit zu
imitieren, sich auch noch die Last des Gebärens anzueignen: Wenn dieFrau
entbindet, legt sich der Mann schluchzend ins Bett, windet sich in eingebildeten
Wehen, stöhnt, lässt sich pflegen und gilt - wie die Gebärende
- bis nach dem ersten Bad als unrein. |
![]() |
| Ein Sudanese auf der Suche nach einem Paar Schuhe murmelt vor sich hin: "Ich wünschte, ich könnte ein Paar Schuhe finden, das aus demselben Material ist wie die Geschlechtsorgane der Frauen. Sie sind unzerstörbar: Gleichgültig, wieviel man in sie hineinschneidet und wie oft man sie wieder zusammennäht, sie sind immer so gut wie neu!" | |
| Gar nicht komisch,
weil wohl von Rachegelüsten getrieben, ist die in Ägypten aufkommende
Mädchenbeschneidung. Die immer grausame, manchmal tödliche Verstümmelung,
der sich heute noch zum "Schutz" vor Vergewaltigung und Gewährleistung
der Jungfraulichkeit jährlich 2 Millionen Mädchen unterziehen
müssen |
![]() |
| Während heute
immer noch jede 500ste, manche meinen sogar jede 50ste Beschneidung zu
Komplikationen führt, war eine solche Operation vor Jahrtausenden
lebensgefährlich. Männer werden sich ihr kaum freiwillig unterzogen
oder die Anwendung bei ihren Söhnen gefordert haben. Die Beschneidung
dürfte daher aus einer Zeit ungewöhnlicher Frauenmacht stammen. Allmählich werden uns die Verhältnisse vertrauter. Schon im 6. Jh. v.Chr. beziehen reiche Bürger in Babylon wie später in Griechenland ansehnliche Einkünfte aus der Prostituierung ihrer Sklavinnen © 2001 Karl Pawek pawek@web.de |
|