| Wir erleben Sexualität oft als komplizierte, verwirrende Angelegenheit. Nehmen Sie nur Ihre Nase. Ob sie nun groß oder klein, spitz oder platt, krumm oder glatt, rot oder bleich sein mag, sie ist ein jederzeit vorzeigbarer Teil Ihres Körpers, und sie müssen sich ihrer nicht schämen, dürfen sie sogar in der Öffentlichkeit anfassen, abwischen, wenn sie tropft, und jederzeit entleeren. Gewiss gilt es als unfein, sie mit den Händen zu reiben oder gar in ihr zu bohren, doch was immer Sie mit Ihrer Nase treiben, Sie brauchen die Verdammnis nicht zu fürchten. Ihr Umgang mit Ihrer Nase führt Sie weder ins Gefängnis noch in die Hölle (es sei denn, Sie sind eine Frau und leben unter ideologischen Bedingungen, die das Vorzeigen einer weiblichen Nase in der Öffentlichkeit verbietet). |
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| Fast überall bedecken hingegen müssen Sie Ihr Geschlecht, über das nur zu sprechen in der Öffentlichkeit wieder einmal verpönt ist. Wer es gar ungebeten vor seinen Mitmenschen entblößt, wird dies in einem Gefängnis oder einer Heilanstalt büßen. Handelt es sich bei Ihrem Geschlechtsteil um einen Penis, darf er auf Fotos oder in Filmen zur Zeit schlimmstenfalls im Hängezustand vorgeführt werden, erigiert gilt er als pornographisch. Als Unding hat er nicht einmal einen würdigen deutschen Namen. Glied ist eine gschamige Verbrämung, Schwanz anatomisch falsch und Rute nur eine von unzähligen umgangssprachlichen Gewaltmetaphern, die viel über eine Gesellschaft und nichts über das Organ aussagen. |
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| Noch sprachloser macht das Geschlecht einer weißen Frau. Sein Anblick gilt in jedem Zustand als pornographisch Anm. , legal dürfen es - und dies auch erst seit wenigen Jahrzehnten - nur Frauenärzte und Hebammen sehen. Als Vagina, deutsch Scheide, reduziert es unser Sprachgebrauch auf den lustlosesten Teil, einen dehnbaren Schlauch, und die Bezeichnung Vulva für die äußeren Geschlechtsorgane zeugt nur von mangelnden Lateinkenntnissen, heißt Vulva doch Gebärmutter. Dümmer ist nur noch die Benennung des weiblichen Geschlechts als Scham. Die umgangssprachlichen Bezeichnungen wie Fotze, Fud, Loch, Möse triefen vor Verachtung. |
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| Eine Nase, ein männliches,
ein weibliches Geschlecht. Warum das eine Organ vorzeigbar, das andere widerwärtig
sein soll, ist so leicht nicht zu verstehen. Selbstverständlich sind
alle Körperöffnungen des Menschen mehr oder minder stark tabuiert,
erinnern sie uns doch an unsere verdrängte Animalität. Ein scheißender
Christus, eine furzende Maria sind nicht nur für gläubige Christen
unerträgliche Vorstellungen, und je zivilisierter wir sind, desto mehr
bemühen wir uns, ganz Geist oder zumindest Seele zu sein. Wir zeigen
lächelnd unsere Zähne, aber verbergen auch bei größter
Müdigkeit unseren Schlund hinter vorgehaltener Hand. Da unsere Geschlechtsorgane
auch Ausscheidungsorgane sind oder zumindest in deren Nähe liegen, könnte
man vermuten, deren schmutzbehaftete Bedeutung hätte sich auf diese
übertragen. Nun war aber die Entleerung des Körpers noch vor wenigen
Jahrhunderten keineswegs so peinlich, wie wir sie heute empfinden. Man schiss
und pisste öffentlich, noch Freud spuckte in hohem Bogen aus, und wer
sich schneuzt, sucht dafür in der Regel nicht eine Toilette auf. Die
Tabuierung der Sexualorgane ist wahrscheinlich älter als die der Körperöffnungen
allgemein, und die Einschätzung der menschlichen Körpersäfte
eine Bewusstseinsangelegenheit. Erkennbar wird dies an der weiblichen Brust.
Enthält sie keine Milch, empfinden viele Männer sie als sexuell,
zumindest die Brustwarze musste und muss normalerweise auch heute noch bedeckt
sein. Andererseits galt es auch in Zeiten strengster sexueller Prüderie
(und gilt es heute noch in Ländern, in denen Frauen Gesichtsschleier
tragen müssen) nicht als verwerflich, ein Kind öffentlich zu säugen.
Entsexualisiert darf eine Mutterbrust gezeigt werden, obwohl sie Körpersäfte
- allerdings positiv besetzte - ausscheidet. William Jordan hat gewiss recht, wenn er behauptet: „Wir können unsere Lüsternheit nur hinter verschlossenen Türen ausleben, weil die Illusion, wir seien nach Gottes Ebenbild geschaffen, uns daran hindert, den Geschlechtstrieb in aller Öffentlichkeit auszuleben.“ Biologisch betrachtet unterscheidet sich die Sexualität des Menschen kaum von der anderer hochentwickelter Säugetiere und schon gar nicht von der Sexualität der Schimpansen, deren genetischer Bauplan von unserem um weniger als 2% |
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| Also paaren sich Tiere,
wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet, zwecks Weitergabe ihrer Gene.
Je höher freilich ein Lebewesen entwickelt ist, desto mehr wird das
Kriterium der Quantität durch das der Qualität ergänzt, sei
es durch ein Wettschwimmen der Spermien in der Vagina oder durch die Rituale
der Werbung oder Überwältigung.
Einem Schauspieler wird gesagt, er könne die gewünschte Rolle bekommen, wenn er bis zum nächsten Abend vierzig Pfund abnimmt. Er sucht ein luxuriöses Gesundheitsinstitut auf. Dort erklärt man ihm, das lasse sich ohne weiteres binnen 24 Stunden durch eine Behandlung erreichen, die 1000 Mark kostet, oder binnen 12 Stunden, wenn ihm die Behandlung 2000 Mark wert ist. Er wählt die billigere Kur und wird in ein großes Zimmer geführt, wo er ein nacktes Mädchen vorfindet, das ein Schild mit der Aufschrift trägt: "Fängst du mich, fickst du mich." Er beginnt zu überlegen: Wenn das die 1000-Mark-Behandlung ist, wie muss dann die doppelt so teure aussehen? Er eilt ins Büro zurück und bittet um die Behandlung, die 2000 Mark kostet. Diesmal wird er in ein kleines Zimmer geführt und die Tür hinter ihm versperrt. An der anderen Seite des Zimmers springt eine Tür auf. Ein Gorilla mit einer gewaltigen Erektion tritt ein. Er hat ein Schild umgehängt: "Fang ich dich, fick ich dich." Anm. Der Vorgang selbst variiert, erinnert
aber häufig - z.B. bei der Taufliege - an menschliches Verhalten: Das
Taufliegenmännchen drängt sich dicht an ein Weibchen und klopft
mit seinem Vorderbein auf ihren Hinterleib. Danach spreizt das Männchen
seine Flügel und erzeugt durch rasche, vibrierende Schläge wohl
verlockende Töne. Zeigt sich das Weibchen interessiert, leckt das Männchen
ihre Genitalien, bevor er es ca. 20 Minuten lang besteigt. Eine Vergewaltigung
gibt es bei der Taufliege wie bei fast allen anderen Tieren nicht, allerdings
auch keinen Geschlechtsverkehr ohne Zeugungszweck. Männchen riechen
für gewöhnlich, wenn ein Weibchen bereits begattet wurde und vergeuden
in einem solchen Fall weder Zeit noch Sperma. |
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| So vielfältig
die Rituale auch sein mögen, ihre Funktion ist immer, dem Weibchen /
der Frau Rückschlüsse auf die Gesundheit des Männchen / des
Mannes zu ermöglichen. Denn im Unterschied zum männlichen Lebewesen,
das über eine fast unbegrenzte Anzahl von Spermien verfügt (jeder
Samenerguss enthält 200-500 Millionen Samenzellen), die es nach dem
Gießkannenprinzip möglichst breit streuen soll, besitzen weibliche
Lebewesen nur eine begrenzte Anzahl von Eiern, mit denen sie haushalten müssen
(von den 30 000 Eibläschen einer Frau zu Beginn ihrer Pubertät
werden nur ca. 500 voll ausgebildet). Ihr Bemühen gilt daher nicht so
sehr der Quantität des Samens als der Qualität des Spenders. Während
das Männchen / der Mann seinen Samen verschleudert, um möglichst
häufig seine Gene weiterzugeben, wählt das Weibchen / die Frau
- soweit nicht schon der Auslesekampf der Männchen untereinander die
Samenqualität optimierte - unter ihren möglichen Begattern aus,
um ihre durch die relativ geringe Zahl der Eier reduzierte Weitergabechance
ihrer Gene durch hohe Qualitätsanforderungen an den Samen möglichst
optimal zu nutzen. Dies sind selbstverständlich - wie überall in
der Natur - keine bewussten, ja nicht einmal gezielte Vorgänge; was
uns als Ziel erscheinen mag, nämlich möglichst viele bzw. möglichst
überlebensfähige Nachkommen zu hinterlassen, ist vielmehr nur eine
Funktion der Effektivität. Das Weibchen wählt nicht aus, um kräftigeren
Nachwuchs zu gebären, sondern jene Weibchen bekommen kräftigeren
Nachwuchs, die sorgfältig auswählen. Daher wird sich bei Weibchen
das Prinzip Auswahl, bei Männchen das Prinzip Vielzahl (bzw. Schnelligkeit)
durchsetzen, bis sich durch die Effektivitätssteigerung die Bedingungen
(z. B. durch eine Überpopulation) so weit geändert haben, dass
andere Kriterien der Weitergabe der Gene förderlicher sind.
Anm.
Da es sich dabei um ein Naturgesetz wie das der Schwerkraft handelt, muss es auch die menschlichen Verhältnisse, vor allem die Rollen von Mann und Frau bestimmen. Der eher aktive, um sich spritzende Mann, der (durch Stärke / Muskeln = Gesundheit) Eindruck schindet, um befruchten zu dürfen, und die eher abwägende, prüfende Frau, die (durch Körperformen / Fettgewebe = Gesundheit) Aufmerksamkeit weckt als Gebärmutter, sind nicht Erfindungen des Patriarchats. Erschreckend an dieser Tatsache, doch kaum zu widerlegen ist, dass die üblichen Rollenklischees letztlich nicht gesellschaftliche, sondern natürliche Ursachen haben. Hoffnungsvoll kann da nur stimmen, dass diese naturgegebenen Bedingungen, wie wir noch erkennen werden, nicht ewig gelten müssen. |
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| Nun erleben wir Menschen
Sexualität nicht nur als Weitergabe unserer Gene, sondern als Lust und
- seltener - Befriedigung. Nicht nur der Mensch, sondern auch zahlreiche höher
entwickelte Säugetiere können ihre Sexualität durchaus von
der Zeugungsfunktion trennen. Bullen und Hengste z. B. masturbieren, indem
sie mit einem Hinterfuß so lange auf ihr Genital einschlagen, bis ein
Samenerguss erfolgt. Nicht nur Homosexuelle haben allen
Ideologen zum Trotz die Sexualität von ihrer Fortpflanzungsfunktion
befreit und als pures und - in repressionsfreien Gesellschaften - billigstes
Vergnügen entdeckt. Auch unter heterosexuellen Paaren ist der Zeugungswunsch
oder auch nur eine Zeugungsbereitschaft wohl das seltenste Motiv geschlechtlicher
Vereinigung. Vielleicht jeder 1000ste Geschlechtsverkehr führt in den
Industriestaaten zu einer Befruchtung, und längst nicht jede der wenigen
Schwangerschaften ist gewollt. Im gleichen Maße aber, wie die Sexualität
ihre Zeugungsfunktion verlor durch die Anwendung der nur dem Menschen möglichen
bewusste Empfängnisverhütung, gewann ihre soziale Funktion an Bedeutung.
Sogar schon unsere nächsten Verwandten, die Bonobos, haben die Sexualität
als einen wesentlichen Bestandteil ihres Sozialgefüges entdeckt. Nach
einem Kampf umarmen sich die Männchen und küssen sich auf den Mund,
manchmal tauschen sie sogar Zungenküsse aus |
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Ein kraftstrotzender Ehemann mit einem herkulischen Körperbau hat eine
Frau, die sich weigert, für ihn zu kochen oder das Haus in Ordnung zu
halten. Er beschließt, sich ihrer zu entledigen, indem er sie zu Tode
fickt. Am nächsten Freitag stärkt er sich nach der Arbeit in einem
Restaurant mit zwei deftigen Beefsteaks und einem Viertel Wein, dann rast
er nach Hause, geht mit seiner Frau ins Bett und vögelt sie ohne Unterlass
bis zum Montagmorgen. Bevor er, selbst kaum imstande zu gehen, die Wohnung
verlässt, wirft er noch einen letzten Blick auf seine Frau - sie liegt
splitternackt und schweißtriefend im zerwühlten Bett, streckt
alle viere von sich und ist offenbar bewusstlos. Als er am Abend wieder zurückkommt,
sieht er schon von der Straße aus frisch gewaschene Gardinen in den
Fenstern, die Türschwelle ist gescheuert, überhaupt macht die ganze
Wohnung einen blitzsauberen Eindruck, und er vermutet, die Nachbarinnen seien
gekommen, hätten den Leichnam seiner Frau fortgeschafft und dann die
Wohnung in Ordnung gebracht. Schuldbewusst tritt er ein und findet statt
dessen seine Frau, noch nackt, nur angetan mit einem kleinen Fähnchen
von Schürze und in hochhackigen Schuhen am Herd stehend, wie sie ein
Menü kocht. "Was geht hier vor?" fragt er verblüfft, "die neuen
Gardinen, du am Herd, überhaupt das alles?" "Siehst du, mein Schatz",
antwortet sie und stellt sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss zu
geben, "du bist gut zu mir - und ich bin gut zu dir."
Bornemann ging noch einen Schritt
weiter und bekräftigte die Meinung alter Männer über die sexuelle
Unersättlichkeit der Frau, indem er die Potenz weiblicher Primaten mit
der Behauptung Masters und Johnsons verknüpfte, fast jede Frau sei zu
50 aufeinander folgenden Orgasmen fähig: „Fünfzig Paarungen am
Tag sind für solche Weibchen durchaus normal und konstituieren mit großer
Wahrscheinlichkeit auch die Norm in den mutterrechtlichen Gesellschaftsordnungen
der Vorzeit.“ |
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| Sozial hochentwickelt
ist auch das Paarungsverhalten der Bonobos. Ein Koitus findet (häufig
frontal) nur statt, wenn beide Partner lautlich und durch Mienenspiel ihre
Bereitschaft haben erkennen lassen. 15 Minuten lang starren sie sich in die
Augen, bevor die friedliche Begattung beginnt, während derer sie Blickkontakt
halten. Wie beim Menschen gibt es auch beim Affen Hinweise, dass das Sexualverhalten nicht angeboren, sondern erlernt ist. Rhesusaffen, die von Geburt an nur mit Mutterattrappen aufgewachsen sind, kopulieren nicht, nur masturbieren können sie von Geburt an. Die sexuelle Lernfähigkeit aus Erfahrung ist bei Affen verblüffend. So wurde ein Affenweibchen beobachtet, wie es das ekstatische Grunzen eines rangniederen Männchens, mit dem es kopulierte, zu dämpfen versuchte, als sich das ranghöchste Männchen gerade in Hörweite befand. |
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| Wenn schon die Tierwelt
keine Zucht und Scham kennt, fördert die Natur wenigstens in Ausnahmefällen
die Monogamie? Tatsächlich schien es, worauf der Zoologe Ernst Haeckel
triumphierend hinwies, einen Verwandten des Menschen zu geben, der absolut
monogam und streng patriarchalisch organisiert lebt, den Gibbonaffen. Dass
er zu den dümmsten unter den Primaten zählt, war nur ein Schönheitsfehler.
Nun aber mussten thailändische Zoologen feststellen, dass männliche
Gibbons gerne Seitensprünge machen und längst nicht so treu sind
wie behauptet. Sogar „Ehen zu dritt“ wurden beobachtet. Nur 3-5% aller Säugetiere leben zumindest zeitweise monogam, so Gänse, Schwäne, Engelhaie, Biber und Soldatenkäfer Wie ideologisch geprägt die Rückprojektion der bürgerlichen Einehe auf die Tierwelt ist, zeigt das lächerliche Lob des Bestsellerautors Desmond Morris für die Paarbildung bei Raubaffen: „Auf diese Weise ... konnten die Raubaffenweibchen weiter der Unterstützung durch ihre Männer sicher sein und sich selbst ganz ihren Mutterpflichten widmen. Umgekehrt waren die Männer der Treue ihrer Weiber sicher, konnten sie getrost zurücklassen, wenn es auf die Jagd ging, und konnten es vermeiden, um die Weiber kämpfen zu müssen.“ |
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| Der Mensch ist das
unfertigste Lebewesen, das geboren wird, viel zu früh und hilflos. Also
muss es gepflegt, ernährt, gewärmt, getragen werden. Auch wenn
das Gebären und Aufziehen von Kindern für weniger verzogene Frauen
keine Vollzeitarbeit ist, vergrößert männliche Mithilfe zumindest
die Überlebenschance für Mutter und Kind. Die Paarbildung als einfachste
Form eines Sozialgefüges erwies sich daher als nützlich für
den Bestand einer Population. Wie bei den Tieren dürfte freilich auch
bei den frühen menschlichen Jäger- und Sammlergruppen die Paarbildung
nur so lange gewährt haben, wie die Brut (das Kleinkind) versorgt werden
musste. Wenn Eheleute im ersten Jahr, sooft sie miteinander schlafen, eine Münze in eine Schachtel tun und in den darauf folgenden Jahren jedesmal eine Münze herausnehmen, wird es ihnen nie an Münzen mangeln. (Italienisches Sprichwort) Unsere Vorfahren werden sich bei
der Paarbildung kaum anders verhalten haben als Paviane noch heute: Das Männchen,
das neu zu einer Herde stößt, starrt ein ihn interessierendes Weibchen
an, blickt sofort weg, wenn das Weibchen ihn anschaut, wagt einen zweiten,
dritten Blick, bis sich beider Blicke treffen. Nun versucht das Männchen,
durch Mimik die Aufmerksamkeit des Weibchens zu fesseln, nähert sich
ihr vorsichtig, macht Gesten, und wenn das Weibchen akzeptiert, bilden sie
ein Paar. |
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| Nein, die Bedeutung
des aufrechten Ganges liegt in der Befähigung des Menschen, unter sich
immer wieder verändernden klimatischen Bedingungen und davon bestimmten
Nahrungsverhältnissen besser überleben und mit seinen nun permanent
als Werkzeug nutzbaren Händen künstliches Werkzeug bauen zu können.
Mit dem aufrechten Gang (aber nicht unbedingt als dessen Folge) wuchsen die
relative Größe und Komplexität des menschlichen Hirns gewaltig
auf das (bis jetzt) Dreifache an. Trotz des beeindruckenden Größenunterschiedes unserer männlichen und weiblichen Vorfahren kam wohl keiner von ihnen auf die Idee, Frauen das schwache Geschlecht zu nennen. Denn noch war die Rolle des Mannes bei der Zeugung unbekannt, die Frau als Gebärerin der Inbegriff des Lebens, der Fruchtbarkeit. Über sie definierten sich alle Verwandtschaftsbeziehungen. Ein junges Mädchen möchte einen Sohn des Nachbarn heiraten, aber ihr Vater warnt sie unter vier Augen: "Du kannst den Burschen nicht heiraten. Sag es auf keinen Fall Deiner Mutter, aber er ist Dein Halbbruder." Das ereignet sich mit drei verschiedenen jungen Männern, und das Mädchen merkt allmählich, dass es nicht möglich sein wird, in der Nachbarschaft einen Mann zu finden, den sie heiraten darf. Deshalb vertraut sie sich ihrer Mutter an. "Ach, mach nur und heirate, wen Du willst", erwidert die Mutter forsch. "Bist ja mit Deinem Papa gar nicht verwandt." Doch müßig ist es, über
die Vorherrschaft eines Geschlechts, über Tabus zu spekulieren, zu wenig
wissen wir über die menschliche Frühgeschichte. Feststehen dürfte:
Sexualität wurde als Naturereignis empfunden, lustvoll, variantenreich,
physisch beschränkt beim Mann (wenn auch nicht so beschränkt wie
in den letzten zwei Jahrtausenden) Anm.
, nahezu unbeschränkt bei der Frau, deren sexuelle Befriedigung mangels
zivilisierter vorspielwilliger Partner eine große Zahl von Geschlechtspartnern
oder die eigene Nachhilfe voraussetzte. Aber Sexualität war kein Problem,
nicht einmal ein Phänomen, sondern Teil menschlichen Erlebens. Der spielerische
wie soziale Umgang der Bonobos mit ihrer Sexualität dürfte dem
frühgeschichtlichen Sexualverhalten der Menschen recht nahe kommen.
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