Fabliau aus dem fernen Land Coquaine (13. Jh.)

Jetzt gebt acht, ihr Anwesenden! Ihr alle sollt meine Freunde sein und mich wie euren Vater ehren; nur recht und billig ist es, daß die große Begabung, die Gott mir verliehen hat, offenbar werde. Ehe ich die Geschichte zu Ende bringe, werdet ihr hier etwas hören können, was euch viel Spaß macht. Ich bin noch nicht allzu alt, aber deswegen bin ich nicht weniger verständig. Eines sollt ihr erfahren: Ein gewaltiger Bart ist noch kein Beweis für Wissen. Wenn die Bärtigen den Verstand gepachtet hätten, müßten Böcke und Ziegen sehr klug sein. Ihr dürft nicht auf den Bart starren, mancher, der einen sehr langen hat, ist nicht einmal halbgescheit. Die jungen Männer sind dagegen sehr verständig. Ich zog zum Papst nach Rom, um mir eine Buße auferlegen zu lassen. Der schickte mich dann in ein Land, wo ich manche Wunder sah. Hört jetzt, wie die Leute, die in dieser Gegend wohnen, sich eingerichtet haben.

Mir scheint, daß Gott und alle seine Heiligen diese Region mehr gesegnet und geheiligt haben als irgendeine andere. Das Land heißt Coquaigne, je mehr man dort schläft, um so mehr verdient man: Wer bis Mittag schläft, bekommt dafür fünfeinhalb Sous. Die Zäune um die Häuser bestehen aus Barschen, Lachsen und Alsen, die Dachsparren sind aus Stören gemacht, gedeckt sind die Häuser mit Speck, und die Latten sind aus Würsten.

In dem Land gibt es viele Genüsse, denn von Braten am Spieß und Eisbein sind die Weizenfelder ringsum eingefaßt. Durch die Straßen laufen die fetten Gänse und Braten, sie drehen sich um sich selbst, und stets folgt ihnen die weiße Knoblauchsauce. Und ich sage euch, daß man überall auf den Wegen und Straßen Tische aufgestellt findet mit weißen Tischtüchern darauf, da können alle, die Lust haben, reichlich essen und trinken, ohne daß jemand Einspruch erhebt oder es verbietet. Nimmt da ein jeder, soviel sein Herz begehrt, der eine Fisch, der andere Fleisch, selbst wenn er einen Wagen volladen wollte, bekäme er alles nach Belieben - Hirschbraten oder Geflügel, je nach Wunsch gebraten oder gekocht. Aber sie zahlen nicht die Zeche und rechnen nach der Mahlzeit nicht ab, wie man es hierzulande tut.

Es ist die reine, erwiesene Wahrheit, daß in jener gesegneten Gegend ein Bach von Wein fließt, in dem schwimmen die Becher gleich mit ans Ufer, und die Gläser und die Humpen sind aus Gold und Silber. Dieser Bach, von dem ich rede, führt bis zur Mitte Rotwein, vom besten, den man in Beaune oder jenseits des Meeres finden könnte. Und auf der anderen Seite fließt Weißwein, der trefflichste und allerfeinste, der je in Auxerre, La Rochelle oder Tonnerre wuchs. Wer Lust hat, geht zu dem Bach, er kann mittenheraus und am Rand schöpfen, aus der Mitte und von überall trinken, ohne Furcht, daß ihn jemand hindert, und ohne einen Heller zu bezahlen. 
Die Leute da sind keine Tölpel, sind wacker vielmehr und höfisch. Ein Monat hat sechs Wochen, viermal im Jahr ist Ostern, viermal Sankt-Johannis-Fest, vier Weinernten gibt es im Jahr, alle Tag ist Feiertag und Sonntag, viermal feiert man Allerheiligen, viermal Weihnachten und viermal jährlich Lichtmeß, viermal Karneval, und nur einmal alle zwanzig Jahre kommt eine Fastenzeit. Und dabei ist das Fasten so angenehm, denn jeder bekommt dabei, was ihm behagt. Schon am Morgen, gleich nach der neunten Stunde, ißt man, was Gott gibt, Fleisch, Fisch oder etwas anderes, und niemand wagt es den Leuten etwas zu verbieten. Glaubt nicht, daß ich übertreibe, es sei Hoch oder Niedrig, keinem fällt das Fasten schwer:

Dreimal in der Woche fällt ein Platzregen von warmen Fladen, den sich weder einer, der noch Haare auf dem Kopf hat, noch ein Kahlkopf entgehen läßt, das weiß ich sicher; vielmehr schnappt jeder davon, soviel er will. Und in dem Land herrscht solcher Überfluß, daß Börsen voller Heller einfach auf den Feldern herumliegen. Arabische und byzantinische Goldmünzen findet man in Massen - ganz umsonst. Niemand kauft oder verkauft dort.

Die Frauen in jener Gegend sind wunderschön; jeder nimmt sich die Damen und Fräulein, wenn er Lust dazu hat, ohne daß sich jemand darüber aufhält. Dann treibt er es mit ihnen, wie es ihm gefällt, solange er will und ganz vergnügt. Die Frauen werden deshalb nicht getadelt, sondern stehen in viel höherem Ansehen. Und wenn es sich zufällig ergibt, daß eine Dame ihre Aufmerksamkeit einem Mann zuwendet, den sie sieht, dann nimmt sie ihn sich mitten auf der Straße und macht mit ihm, was sie gern möchte. So tut eines dem anderen viel Gutes.

Des weiteren sage ich euch, ungelogen, daß es in diesem gesegneten Land hochanständige Tuchhändler gibt, denn sie verteilen jeden Monat gern und bereitwillig Kleidung vielerlei Arten. Wenn einer es wünscht, bekommt er ein Gewand aus brauner, scharlachfarbener oder violetter Wolle, aus gestreiftem Stoff von guter Art, aus grünem Wollzeug oder ganz ans Groblinnen, aus Seidenstoff von Alexandria, aus gestreiftem Tuch oder aus Kamelhaar. Was soll ich euch sagen? Es gibt so viele verschiedene Kleider, mit denen ein jeder sich ausstattet, wie es ihm beliebt, der eine mit buntem, der andere mit grauem Pelz. Und wer gern möchte, bekommt einen hermelingefütterten Rock.

Das Land ist so gesegnet, daß es da Schuhmacher gibt, die ich bestimmt nicht für knickrig halte. Freude spenden sie im Überfluß, denn sie verteilen Schnürstiefel, Gamaschen und gut gearbeitete Sommerschuhe. Wer es möchte, bekommt schräg geschnittene Schuhe, die eng anliegen und den Fuß gut kleiden. Wenn er am Tag dreihundert und noch mehr davon haben wollte, er würde sie bekommen. Solche Schuhmacher gibt es da.

Man findet dort noch ein anderes Wunder - ihr habt nie etwas Vergleichbares gehört. Denn dort ist der Jungbrunnen, der die Leute wieder jung macht und auch sonst Gutes bewirkt. Ich weiß genau, daß es keinen Mann gibt, er sei noch so alt und weißhaarig, und keine Frau, sei sie noch so steinalt oder weiß, die nicht wieder dreißig würden, wenn sie zu dem Brunnen gelangen können. Alle, die in jenem Land leben, können dort wieder jung werden. Wahrlich, der wäre ein rechter Narr, der den Weg dorthin fände und wieder wegginge, wenn er einmal da war. Ich selbst, das weiß ich sicher, kann es am eigenen Leibe spüren. Für töricht halte ich mich und ich war es auch, daß ich mich je aus dem Land entfernt habe.

Aber ich kam hierher, um meine Freunde zu holen und sie mit mir in jenes Land zu nehmen, wenn mir das gelänge. Aber ich konnte das Land nie mehr auf dem Weg, den ich verlassen hatte, erreichen, und kein Pfad und keine Straße führte mich wieder dorthin. Da ich also nicht mehr hineingelangen kann,  bleibt mir nichts weiter übrig, als mich damit abzufinden. Aber etwas will ich euch noch sagen: Gebt acht, wenn es euch irgendwo gut geht, daß ihr euch um keinen Preis entfernt, damit euch nicht auch so ein Unglück passiert.  Denn wie oft habe ich ein Sprichwort gehört, das weit verbreitet ist: Wem es gut geht, der soll sich nicht von der Stelle rühren, denn er könnte nicht viel dabei gewinnen. Das lehrt uns die Schrift.
 

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Zit. n. Dieter Richter, Schlaraffenland, Frankfurt 1995, S. 130ff. Zurück zum Kapitel Gewalt und Aberglaube